09.08.04

NRS - Nicht mit uns

Die Gegenreform rollt an. Nachdem sich lange Zeit nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung einsam gegen die Rechtschreibreform gestemmt hat und viele Zeitungen, wie z. B. die Zeit sich ihre private Mischung aus alter und neuer Reschtschreibung gebastelt hatten, haben sich nun der Axel Springer-Verlag (also im wesentlichen BILD) und der Spiegel zusammengetan und all ihre Publikationen wieder auf die alte Schreibung umgestellt. Die Süddeutsche Zeitung folgt ihnen dichtauf. Im direkten Fahrwasser dieser Entscheidung Um aus der taz vom Samstag zu zitieren:

Ziel dieser Maßnahme sei die Wiederherstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung, kündigten beide Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung am Freitag an. [...] Weiter: "Aus Verantwortung für die nachfolgenden Generationen empfehlen wir auch anderen die Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie und die Rückkehr zur klassischen deutschen Rechtschreibung."

Daniel Bax sagt in einem Kommentar in derselben Ausgabe gar, daß dieses Vorgehen "ein populistischer, antidemokratischer Reflex" sei. Das mag hier zwar zutreffen, aber wenn man Meinungsumfragen glauben darf, entspricht dies dem Willen des Volkes. Einige werden sich erinnern, daß eine Volksabstimmung in Schleswig-Holstein, die sich deutlich gegen die Reform aussprach, geflissentlich ignoriert wurde. Auch jetzt weist die KMK-Präsidentin Doris Ahnen die Möglichkeit einer solche Abstimmung auf bundesweiter Ebene weit von sich, so daß man sich fragen muß, ob dies nicht noch viel undemokratischer ist. Ansonsten ergeht sich die taz größtenteils in teilweise absurder Kritik der erwachenden Gegenreform, wie z.B. hier:

Der Autor dieser Zeilen aber fragt schüchtern: warum? Keiner schrieb Goethe vor, wie er zu schreiben habe. Noch Thomas Mann schrieb, wie er wollte, und Einstein, das Genie schlechthin, war Legastheniker. Wieso sollen die Worte zwischen Etsch und Belt über einen alldeutschen Leisten geschlagen werden? Vielfalt ist das Wunder der Sprache. Unregelmäßigkeiten sind ihre schönsten Blüten. Wildwuchs zeigt ihr Leben an. Vermutlich war der "Duden", gleichviel in welcher Version, von Beginn an ein sprachfeindliches Unternehmen. Ein bisschen Anarchie könnte nicht schaden.

In anderen Artikeln wird die vorbildliche Einfachheit der spanischen und italienischen Orthographie mit ihrer nahezu eineindeutigen Phonem-Graphem-Zuordnung als Vorbild dafür genannt, wie man es machen kann. Daß eine solche radikale Reform, wenn sie auch wünschenswert wäre, niemals durchzusetzen ist, kann man sich schnell ausrechnen, wenn man sieht, welch vehementer Protest dieser Reform bereits entgegenschlägt, die doch nur einen Bruchteil der Wörter wirklich betrifft. Aus Angst vor einem Aufschrei in der Öffentlichkeit hat man ja damals bereits den Traum von einer gemäßigten Kleinschreibung aufgegeben. Deutschland blieb weiterhin das einzige Land, in dem Substantive groß geschrieben werden. Diese Angst ist, meiner Meinung nach, auch das Kernproblem der ganzen Misere. Die taz bringt dies sehr schön auf den Punkt, wenn sie die Rechtschreibreform mit den Sozialreformen der Bundesregierung vergleicht. "Aus Angst vor Protesten haben sie manch eine unlogische Regel nur durch eine neue unlogische Regel ersetzt, statt der Logik überall den Weg zu bahnen - und haben dadurch, nicht anders als Rot-grün in der Sozialpolitik, den Protest herausgefordert." Die Schlußfolgerung "Die Rettung liegt jetzt nur in einer echten Radikalreform" kann ich allerdings nicht ganz teilen und ich glaube auch kaum, daß die Kultusministerkonferenz den Mut besitzt eine solche Radikalreform in die Wege zu leiten. Eine zwar schmerzliche, aber dennoch möglicherweise gangbare Lösung, wäre die endgültige Rückkehr zur alten Schreibung. Damit wären dann allerdings die Milliarden von Euro, die in dieses Vorhaben geflossen sind, definitiv in den Sand gesetzt. Und auch die Schüler der letzten Jahre würden sich natürlich verarscht vorkommen. Trotzdem kann es so nicht weitergehen. Die Rechtschreibreform, zumindest in dieser Form, war ein kapitaler Fehler und ich kann nicht glauben, daß sie ihr Ziel, die Erlernung der Orthographie zu vereinfachen, erreicht hat oder es in der absehbaren Zukunft erreichen wird. Die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung hat zwischenzeitlich ja selbst eingesehen, daß einige ihrer Regelungen wohl nicht zur Gänze durchdacht waren und immer wieder nachgebessert. Auch die Existenz zahlreicher Parallelschreibungen sorgt nur für unnötige Verwirrung. Es war schon immer das, meiner Meinung nach, größte Problem der Reform, daß sich ihr nicht alle Printmedien gebeugt haben und daß natürlich weiterhin und auch auf durchaus lange Zeit hin noch Texte in der alten Schreibung existieren. Gute Rechtschreibung ist (auch) das Ergebnis immerwährender Konditionierung. Je häufiger man ein Wort in richtiger Schreibung liest, desto mehr ist man geneigt, es auch selbst richtig zu schreiben. Dieser Konditionierung hat die Existenz mehrerer "richtiger" Schreibweisen ein Ende bereitet und ohne sie wird die Textproduktion zur Qual, da man sich immer wieder fragen muß, ob man es denn nun so oder so schreibt. Rechtschreibung ist von einem unterbewußten zu einem bewußten Prozeß geworden und viele Menschen, die früher sehr sicher in der Rechtschreibung waren (wie z.B. auch der Schreiber dieser Zeilen), haben darunter zu leiden. Ich persönlich bin gar nicht generell gegen alle Neuregelungen. Die ss/ß-Schreibung war beispielsweise eine wunderbare Neuerung. Nichtsdestotrotz muß etwas getan werden, und zwar schnell, wenn wir nicht zu den guten alten Zeiten des vorletzten Jahrhunderts zurückkehren wollen, in denen jeder schreiben konnte, wie es ihm beliebte und nicht einmal eine einzelne Person konsequent bei einer einheitlichen Schreibung geblieben ist, sondern heute so und morgen eben doch lieber wieder anders schrieben.

Da das Thema wieder sehr aktuell ist (und eine willkommene Füllung für's Sommerloch) gibt es Netzressourcen zuhauf. Hier sind einige davon - bis jetzt sind übrigens weder die Spiegel- noch die SZ-Artikel in alter Rechtschreibung:

Der letztjährige Kompromißvorschlag von Peter Eisenberg ist scheinbar nicht online erhältlich. Es gibt aber eine kurze Stellungnahme von ihm dazu.

Der neueste Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission ist als ebenfalls online verfügbar.

Der Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege bietet eine sehr aufgeräumte Webpräsenz und mag als erster Anlaufpunkt weiterer Forschungen dienen.

Der Zwiebelfisch listet in seiner neuesten Kolumne leider nur die Änderungen auf, und kommentiert diesen Schritt nicht. Ich meine, aus seinen früheren Kolumnen herausgelesen zu haben, daß er die reformierte Schreibung begrüßt hat und vermute daher, daß er seine Meinung auf redaktionellen Wunsch außen vor gelassen hat.

Beim Spiegel finden sich außerdem einige Leserbriefe, die zeigen, daß sich an diesem Thema die Geister scheiden.

Viele Artikel zum Thema gibt es bei der Süddeutschen Zeitung.

Der den neuen ist-Zustand beschreibende Artikel titelt Reform auf der Kippe.
Einer der ersten Artikel zum Thema - kein Wunder, wenn man selbst das Thema ist - beschreibt, wie die Verlage Die Karre aus dem Graben ziehen wollen.
Die Kultusministerkonferenz in Gestalt ihrer Präsidentin Doris Ahnen spricht sich gegen eine Volksabstimmung aus.
Offenbar sind weiterhin 12 Bundesländer gegen eine Rückkehr zur alten Schreibung.
Ein anfangs fast schon philosophisch anmutender, aber sehr intelligenter Kommentar von Thomas Steinfeld spricht von einem "Akt der Vernunft", wobei unklar bleibt, ob der das Vorgehen von Spiegel, Bild und Süddeutscher meint oder eher hofft, daß es einen solchen bald in der Politik geben sollte.
Ein unterhaltsamer Kommentar von Bernd Graff heißt Zurruek ien dat zukunpft.
Es gibt eine schöne Übersicht über die Geschichte der Rechtschreibreform.
Auch im Forum wird wild diskutiert.

Posted by kreetrapper at 09.08.04 17:54 in Langue, Langage, Parole | TrackBack
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