...wurde erst mal verschoben.
Der lautstarke Ausstieg aus der Rechtschreibreform ist nun schon beinahe zwei Wochen alt. Ein wahllos herausgegriffener Artikel aus dem Online-Angebot des Spiegels über die Sapir-Whorf-Hypothese, läßt bisher noch keine Rückkehr zur klassischen Rechtschreibung erkennen. Und nach kurzer Suche findet man folgendes Interview mit den "Verantwortlichen", in denen von sofortiger Rückkehr zur alten Schreibung gar nicht die Rede ist. Die entscheidenden Zitate:
Interviewer: Wann wollen Sie diese Idee in die Tat umsetzen?
Aust (Spiegel): Wir haben keinen Zeitplan erstellt.
Interviewer: Ab wann soll die "SZ" wieder in der altbewährten Rechtschreibung erscheinen?
Kilz (Süddeutsche Zeitung): Ich glaube nicht, daß wir jetzt ein Datum nennen sollten oder irgendwelche Details einer zukünftigen Rechtschreibung.
Sehr interessant ist es auch, den beiden Streitparteien bei ihrem hin und her zuzusehen.
Bei der Süddeutschen Zeitung heißt es, die Fehler haben zugenommen:
Rechtschreibschwächen, die überwunden werden sollten, haben zugenommen. Sinnentstellende Getrenntschreibung, kuriose Zeilentrennungen sowie eine verwirrende Groß- und Kleinschreibung haben ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt. Es besteht die Gefahr, dass die Orthografie generell nicht mehr ernst genommen wird.
Im neuesten Duden-Newsletter (Die Aktualität der Archivierung läßt leider stark zu wünschen übrig, weshalb dieser Link noch nicht die gewünschte Ausgabe hervorzaubert) liest man das Gegenteil.
Ein Bruch mit der Schreibtradition fand nicht statt. Zum "keiser im bot" kam es nicht, die "filosofie" blieb eine Ente. Für Schüler und Lehrer geht die Sache auf, hört man.
Hüben wie drüben wird mit Behauptungen um sich geworfen, denen es leider an jeglicher faktischen Untermauerung ermangelt. Ein, bis auf wenige Entgleisungen, recht gelungener Artikel zum Thema von Dieter Zimmer findet sich in der Zeit.
Nach fünf Jahren Praxis liegen die Schwächen heute noch klarer zutage. Sie liegen in den alten Unsicherheitszonen Fremdwort, groß/klein, getrennt/zusammen, in denen sich ständig verschiedene Logiken gegenseitig durchkreuzen, sodass es wirklich befriedigende - jedem intuitiv einleuchtende - Lösungen gar nicht geben kann. Hier bestanden schon früher die größten Unsicherheiten, hier bestehen sie immer noch.
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Hier hat die Reform nichts erleichtert, sondern nur bekräftigt, dass man Deutsch nur richtig schreiben kann, wenn man bei jedem Zweifel im Wörterbuch nachschlägt.
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Die größte Schwäche der Reformschreibung aber besteht darin, dass sie an einigen Stellen tut, was keine Orthografie tun darf: jemanden zwingen, zu schreiben, was er gar nicht meint. Die Rede ist von der starken Vermehrung der Getrenntschreibung. Sie zerreißt Begriffe wie sogenannt, umweltschonend, vielversprechend, wohlverdient in ihre Bestandteile, die einzeln jedoch meist etwas anderes bedeuten, und scheint sie damit aus der Sprache zu tilgen - ein Unding.
Es gibt einen Korrekturvorschlag der Rechtschreibkommission, der von der Kultusministerkonferenz akzeptiert wurde und bis zum nächsten Jahr in die Wörterbücher eingearbeitet sein soll. In vielen Fällen erlaubt er neben den neuen Getrennt- und Großschreibungen auch wieder die alten Schreibweisen, lässt das Unentscheidbare also praktisch unentschieden. Damit verringert er de facto den Abstand zwischen Neu und Alt und durchlöchert die unhandhabbaren neuen Regeln weiter, aus denen die lebensfremden Groß- und Getrenntschreibungen hervorgingen, lässt sie jedoch als beständige Gefahrenquelle weiter bestehen.
Außerdem findet sich hier ein unterhaltsamer Seitenhieb auf die Reformgegner.
Denselben Anspruch einer objektiven Bestandsaufnahme hat dieser Artikel von Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. Leider versagt er miserabel. Schon als er Kants Kritik der reinen Vernunft als zu den "Höchstleistungen einer Sprachtradition" gehörend bezeichnet, wird man stutzig. Und im weiteren Verlauf zeigt auch die Sprache dieses Artikels, daß Herr Seibt sich eben jenen Kant offenbar zum sprachlichen Vorbild auserkoren hat. Wie jeder, der schon einmal Kant gelesen hat, weiß, ist dies der Klarheit nicht gerade förderlich. Und die Höchstleistungen einer deutschen Sprachtradition suchen wir, die wir syntaktisch einwandfreie und parsbare Sätze bevorzugen, dann doch lieber woanders. Hier mal ein paar Zitate zur Veranschaulichung der sprachlichen Auswüchse und erschreckend mangelnden Objektivität. Menschen, die Nonchalance und Kasuistik in einem Satz verwenden, sollten am besten gar nicht erst von ihren Lyriklesungen weggeholt werden.
Der Beschluss zur Reform sei formal korrekt zustande gekommen, und es dürfe nicht sein, dass ein paar, wie immer mächtige, Verlage nun der Nation die Rechtschreibregeln diktierten. Dieser Gemeinwohlgesichtspunkt wird zusätzlich gern noch mit einem Schuss pädagogisch-humanitären Salböls versetzt: Chaos drohe für die Kinder, die seit mehreren Jahren ¸¸problemlos" eine dankenswert vereinfachte Rechtschreibung (vor allem entschlackte Kommaregelungen) erlernten. Schafft Rechtschreibsicherheit für unsere Kleinen!
Der Streit um die Rechtschreibung ist einer um richtig oder falsch, gemessen an einem Höchstmaß sprachlicher Möglichkeiten. Wem das zu anspruchsvoll klingt, der mache sich klar: Leichtfertige Ermäßigung von Ansprüchen schadet am Ende immer am meisten jenen, denen Bildung nicht durch soziale Herkunft frühzeitig und fast selbstverständlich zugänglich ist. Sie zementiert bildungssoziologische Klassenbarrieren, die nirgendwo so hoch liegen wie in Deutschland.
Das Kriterium der Angemessenheit einer Orthographie - verstanden als Regelwerk, welches den Reichtum den Sprache nicht verleugnet, sondern ihn so leicht wie möglich handzuhaben erlaubt -, liegt ungefähr gleich weit weg von der Kasuistik der Pedanten wie von jener Politiker-Nonchalance, die sagt: Gegessen wird jetzt, was auf den Tisch kommt, denn wir haben es so beschlossen.
Und wo ich schon mal dabei bin, mich aufzuregen, muß ich auch noch einmal die nervige Angewohnheit der Süddeutschen erwähnen, nahezu alle online verfügbaren Artikel auf mehrere Dateien aufzuteilen. Wieder und wieder frage ich mich, welchen Nutzen das haben mag, außer den, Leute wie mich zu nerven, die offline gehen, nachdem die Seite komplett geladen ist und dann beim Lesen merken, daß sie doch wieder online sein sollten.
Posted by kreetrapper at 21.08.04 00:39 in Langue, Langage, Parole | TrackBack