22.08.04

Sapir-Whorf hypothesis back in business

Oder zumindest hat dieser Spiegel-Artikel, den ich bereits in meinem letzten Posting verlinkte, das Thema wieder aktuell gemacht. Dort heißt es:

Eins, zwei, viele: Beim Zählen nehmen es die Mitglieder des Pirahã-Stammes im Amazonas-Gebiet nicht so genau. Selbst "eins" bedeutet bei den etwa 200 isoliert lebenden Stammesangehörigen nur so viel wie "ungefähr eins" - auf jeden Fall nicht viel. Und genau diese sprachliche Ungenauigkeit wirkt sich auf das Denken und die Wahrnehmungsfähigkeit der Pirahã aus, wie der US-Forscher Peter Gordon nun entdeckt hat.

Die Linguistengemeinschaft regt sich nun stark über die beängstigende, an Unrichtigkeit grenzende Ungenauigkeit dieses Artikel (bzw. eigentlich des englischsprachigen Äquivalents) auf. Zurecht, wenn man bedenkt, daß zum einen in besagtem Spiegel-Artikel die Sapir-Whorf-Hypothese, um die es ja eigentlich geht, namentlich gar nicht erwähnt wird und die Unwichtigkeit der Zahlen im Pirahã sogar als "Wahrnehmungsstörung" bezeichnet wird.

Zuerst bin ich über diesen Language Hat-Beitrag gestolpert, der auf eine ausführlichere Behandlung im Language Log verweist. Das Language Log kann ich, nachdem ich es nach Urzeiten mal wieder besucht habe, im allgemeinen nur jedem Sprachinteressierten ans Herz legen. Hier findet sich auch ein weiterer Artikel, der durch eine geschickte Analogie aufzeigt, wie offensichtlich der Fehler ist, den der Zeitungsartikel macht.

No, what bothers me about the Pirahã counting discussion is that I'm not convinced that language is relevant at all, in the sense of playing a causal role in the Pirahã's lack of counting ability.

Here's an analogy. Suppose that there's an isolated group -- call them the Nerdahã -- who just aren't interested in throwing things. [...] Because of their complete lack of interest in throwing, the Nerdahã language is completely lacking in throwing vocabulary.

Now an American psycholinguist comes to visit the Nerdahã. Her field linguist guide, who has been working among the Nerdahã for decades, mentions their lack of ball sports and their lack of throwing vocabulary, and the psycholinguist realizes that this is a marvelous opportunity to evaluate not only the Sapir-Whorf hypothesis, but also the idea that throwing is a human instinct, an innate module which may even have played a key causal role in the evolution of the hominid line. So she tests the throwing skills of the Nerdahã.

Well, you can figure out the rest for yourself. At a target distance of one or two feet, the Nerdahã do okay. As the target gets further away, projectiles start flying off in random directions at variable but generally low rates of speed. "Sheesh", says the psycholinguist to herself, "Whorf was right! Language does determine cognitive capacity. These people have only two words for throwing, and as a result, they can't throw for spit!"

There's something wrong with this story, don't you agree?

Und schließlich gibt es noch diesen wunderbaren Artikel über Benjamin Lee Whorf selbst - oder vielmehr über seine linguistischen Beiträge - der etwas weiter geht als der doch recht kurze Wikipedia-Artikel.

Posted by kreetrapper at 22.08.04 22:57 in Langue, Langage, Parole | TrackBack
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