"Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrössert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir Geschmack finden."
(Ludwig Feuerbach, Abälard und Heloise)
Ich hoffe, Ihr hattet alle einen schönen Welttag des Buches und habt die Tatsache, daß er heuer auf einen Sonntag fiel, dazu genutzt es Euch mit einem guten Buch gemütlich zu machen. Ich hatte das ja eigentlich auch vor, habe aber heute nachmittag festgestellt, daß ich wohl die falschen Fragen für die morgige Prüfung gelernt hatte und mußte dann noch einen weiteren Stapel von 105 Fragen durchsehen. Das war leider nicht so entspannend wie ich mir den Tag erhofft hatte.
Aber in den Tagen zuvor habe ich versucht, mir das obige Zitat zu eigen zu machen. Mein Gedanke: wenn das stimmt, dann sind Bücher doch die besseren Menschen und so habe ich in letzter Zeit viel gelesen, um meine quälende Einsamkeit zu bekämpfen. Ich habe dabei gelernt, daß das sogar einigermaßen funktioniert, aber nur mit den richtigen Büchern. Inspiriert durch eine Freundin habe ich in letzter Zeit eher Sachbücher gelesen, zum Beispiel das bereits einmal erwähnte Wir brauchen keinen Gott von Michel Onfray. Und dazu passend hatte ich auch bereits Nietzsches Anti-Christ auf meinem To-Read-Pile. Aber einem Impuls folgend habe ich stattdessen doch lieber zuerst einen noch ungelesenen Roman aus meinem Regal gezogen. Der letzte Roman, den ich las, war Schätzings Schwarm - ein Buch, das meiner Meinung nach maßloß überschätzt wird und an den besten Stellen Mittelmaß erreicht. Und davor hatte ich Carl Hiaasens Basket Case gelesen, das zwar recht unterhaltsam war, aber doch eher zu seinen schwächeren Büchern gehört. Das hatte mich ein bißchen am Roman als solchen zweifeln lassen. Doch dann kam endlich mal wieder ein richtig gutes Buch meines Weges, das heißt, eigentlich gleich drei: Philip Pullmans Fantasy-Trilogie His Dark Materials. Inzwischen bin ich bereits weit im dritten Band und es gefällt mir immer noch sehr gut. Wenn es doch mehr solcher Bücher gäbe. Zwischendurch habe ich übrigens auch noch alle drei Planetary-Sammelbände gelesen - den dritten zum ersten Mal. Das ist ebenfalls ganz großes Kino. Wer braucht da schon noch Freunde?
Carl Hiaasen - Basket Case
Hiaasen, im Hauptberuf Journalist beim Miami Herald, hat sich darauf spezialisiert, Krimis zu schreiben, die nicht nur in Süd-Florida spielen, sondern auch das absurde Flair dieser Gegend auf sehr gelungene und komische Weise einfangen. Von den Büchern, die ich bereits gelesen habe, gehört dieses hier zu den Schwächeren, weil der Absurditätsgrad sich in Grenzen hält. Es ist aber immer noch ein sehr gut geschriebener und lesenswerter Krimi. Und ab und zu scheint auch ein wenig des typischen Florida-Flairs hindurch. Zum Beispiel hier:
A disagreement over lane-changing etiquette has resulted in two motorists pulling semiautomatics and inconsiderately shooting at each other in the diamond lane of the interstate. The traffic jam is epic
Frank Schätzing - Der Schwarm
War vor einiger Zeit ein enormer Bestseller und ist es vermutlich auch jetzt noch. Zum Höhepunkt des Hypes habe ich den Autoren in irgendeiner Talkshow gesehen und fand ihn in seiner arroganten, selbstgefälligen Art auf Anhieb unsympathisch, ein Urteil, das ich bis heute nicht revidieren mußte. Vielleicht hat mich diese persönliche Antipathie also in meiner Beurteilung des Buchs beeinflußt. Ich fand es ziemlich schlecht, und das aus mehreren Gründen. Erst einmal braucht es sehr lange, bis der eigentliche Plot so richtig Fahrt aufnimmt. Das geschieht so ab Seite 400. Dann ist kein einziger Protagonist wirklich sympathisch, mir jedenfalls nicht, und das hilft mir nicht gerade bei der Identifikation. Wie soll ich um ihr Leben zittern, wenn sie mir bestenfalls egal sind und ich einigen sogar den Tod gönne? Des weiteren, man ahnt es schon aufgrund der vierstelligen Seitenzahl, ist der Roman stellenweise sehr langatmig und als einer der Handlungsträger sich auch noch auf eine Art Soul-Searchin begibt, um mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen, hätte ich das Buch beinahe unausgelesen weggelegt, etwas das ich eigentlich niemals tue. Vielleicht am auffälligsten, zumindest wenn man wie ich den Blick für solche Details hat, ist die simple, teilweise sogar unbeholfen wirkende Sprache, derer sich Schätzig bedient. Das fängt damit an, daß alle Personen immer nur beim Nachnamen genannt werden. In einem militärischen Kontext wäre das ja okay, aber der ist größtenteils nicht gegeben. Auch der Erzähler selbst referiert auf seine Protagonisten so und am schlimmsten fand ich eine Stelle, in der jemand an seine Geliebte denkt, und dabei ihren Nachnamen verwendet. Die nur mäßige Sprache zeigt sich in Phrasen wie "Perfekte Schwärze umgibt sie", was nicht nur holperig und klischeehaft bis zum Geht-nicht-mehr ist, sondern auch noch ein offensichtlicher Anglizismus. Und immer wieder stolpert man über seltsame Wörter, deren Sinn sich zwar erschließt, die man aber im allgemeinen nicht der deutschen Sprache zurechnen würde, und die man so sicherlich so schnell nicht wiedersehen wird. Beispiele wären "camouflieren", "ich reporte", "gefeuert, gehimmelt, abserviert", "nomadisieren", "hummelten... die Generatoren". Und das sind nur einige Beispiele. Das einzige, was meiner Meinung nach eindeutig auf der Plus-Seite zu verbuchen ist, ist die Tatsache, daß der Autor ganz offensichtlich eine Menge Zeit und Arbeit in die Recherche der biologischen und physikalischen Grundlagen gesteckt hat. Das alles ist so detailverliebt und, soweit ich das beurteilen kann, auch korrekt dargestellt, daß man vor dieser Fleißleistung Schätzings nur den Hut ziehen kann. Alles in allem bin ich aber von diesem Buch sehr enttäuscht und kann es eigentlich guten Gewissens niemandem empfehlen.
Michael Onfray - Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muß.
Als jemandem, der Religion im allgemeinen sehr skeptisch gegenüber, besonders seit sie in letzter Zeit wieder stärker in den gesellschaftlichen Fokus gerückt ist, sind mir Onfrays Thesen grundsätzlich sympathisch. Trotzdem kann mich das Buch nicht restlos überzeugen. Dazu wirkt es zu unstrukturiert. Viele Argumente werden immer wieder von neuem aufgegriffen, gehen aber oft nicht richtig in die Tiefe. Und obwohl Onfray die Heiligen Schriften (Talmud, Bibel, Koran) - zurecht wie ich finde - als Quelle von Fakten nicht anerkennt, nutzt er doch immer wieder Zitate hieraus, um zu argumentieren. Das kann natürlich nicht gut gehen. Fazit: Ein ganz guter Einstiegspunkt in die Thematik, aber auf keinen Fall erschöpfend. Außerdem ist das Buch alles, nur nicht objektiv, etwas, das man nicht aus den Augen verlieren sollte.
Warren Ellis/ John Cassady - Planetary Vol. 1: All over the World and other stories
Warren Ellis/ John Cassady - Planetary Vol. 2: The fourth man
Warren Ellis/ John Cassady - Planetary Vol. 3: Leaving the 20th century
Sehr beeindruckend. Planetary ist eine Gruppierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Mysterien des Universums zu erforschen. Zum Glück leben sie in einem klassischen Superhelden-Universum, in dem es reihenweise Aliens, Metawesen, Monster und verrückte Unfälle mit Strahlung oder anderen Dimensionen gibt. Es ist übrigens das Wildstorm-Universum, in dem z.B. auch Authority spielt. Crossover gibt es aber kaum. Ellis nutzt die ersten beiden Bände, um seine Protagonisten durch eine Reihe bekannter Genres zu schicken, da gibt es Geheimgesellschaften, den klassischen Monsterfilm mit Riesenameisen oder eine Chinese-Ghost-Story. Jede dieser Episoden ist in einem Kapitel (in der Originalveröffentlichungsweise also in einem Heft) abgeschlossen und hat ein spezielles zum jeweiligen Genre passendes Cover (die alle auch in den Sammelbänden abgedruckt sind). Gleichzeitig zieht sich jedoch eine Nebenhandlung wie ein roter Faden durch alle Kapitel. Wer steckt hinter Planetary und seinen drei Agenten? Wer ist der geheimnisvolle vierte Mann und was ist sein Plan? Dieser Nebenplot rückt zum Ende des zweiten Bandes in den Vordergrund, und umso ärgerlicher war es, daß mehrere Jahre bis zum Erscheinen des dritten Bandes vergingen. Jetzt kann man nur hoffen, daß es diesmal schneller weiter geht, denn dies ist wirklich mal wieder eine Serie, die zeigt, zu welchen erzählerischen Leistungen Warren Ellis fähig ist. Fazit: Sehr empfehlenswert! Das erste Heft kann man hier online probelesen.
Cooles Eingangszitat - scheint leider was dran zu sein...
Posted by: Virgola at 27.04.06 23:40