31.01.07

Viel Rauch um Nichts?

Nachdem man zum Ende des letzten Jahres auch in Deutschland kurz über ein Gesetz zum Schutz der Nichtraucher nachgedacht hatte, sich dann aber doch wieder im Föderalismus verheddern mußte, kommt der nächste Impuls in diese Richtung direkt aus Brüssel. Der Gesundheitskommissar der EU Markos Kyprianou hat das Thema in Form eines Strategiepapiers wieder auf den Tisch gebracht und lange kann sich vermutlich auch Deutschland nicht mehr gegen den EU-weiten Trend zu einem generellen Rauchverbot in "allen geschlossenen oder größtenteils geschlossenen Arbeitsplätzen, öffentlichen Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln" stemmen. Im Sommer (vermutlich damit die Raucher nicht gleich in die eisige Kälte müssen, sondern sich langsam daran gewöhnen können) gesellt sich jedenfalls schon einmal England zu Irland, Schottland, Italien und zahlreichen weiteren Ländern.

Es ist sicherlich vernünftig, daß sich solch eine Regelung durchsetzt, weil hier ja nachweislich die Gesundheit von unbeteiligten Dritten beeinträchtigt wird, ohne daß diese sich dagegen wehren können. Langfristig kann ich mir auch kaum vorstellen, daß sich separate Bereiche für Raucher (z.B. in Restaurants oder Cafes) durchsetzen werden. Man sieht ja in den Raucherabteilen von Zügen, daß die Luft hier ihren Namen kaum noch verdient und daß derartig extreme Rauchentwicklung auch vielen Rauchern dann doch zu viel wird. Hoffentlich ziert die deutsche Regierung sich nicht wieder jahrelang, nur um nicht die Gunst der offenbar immer noch viel zu einflußreichen Tabaklobby zu verlieren.

Vor einigen Monaten las ich einen Artikel in der Frankfurter Rundschau, der besagte, daß das in Italien eingeführte Rauchverbot schon nach relativ kurzer Zeit zu einem spürbaren Rückgang der Zahl der Herzinfarkte geführt hat. Immer wieder sieht man ja auch die Zahl, daß an die 80.000 Menschen jedes Jahr an den Folgen des Passiv-Rauchens sterben und es scheint so, als ließe sich diese Zahl relativ leicht senken. Natürlich nicht auf Null, weil es ja weiterhin solche armen Tropfe wie mich geben wird, die mit zwei rauchenden Eltern aufwachsen müssen und sich kaum gegen das Einatmen der ganzen Gifte wehren können.

Aber auch die Zahl der Aktiv-Raucher nimmt ja beständig ab.

Es lohnt sich an dieser Stelle ein kleiner Ausblick. In den letzten vierzig Jahren ist das Leben für Raucher als gesellschaftliche Gruppe immer schwieriger geworden. Angefangen beim Verbot der Tabakwerbung im Fernsehen (die nun nach ewig scheinendem Hin und Her endlich auch in Deutschland den Rest der Medien erreicht hat) bis zu den in diesem Jahr eingeführten neuen Zigarettenautomaten.

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Ein generelles Rauchverbot an öffentlichen Plätzen wird das Leben für Raucher noch einmal eine Spur unbequemer machen und auch die kontinuierlich steigenden Preise haben sicherlich schon viele Menschen zu Nichtrauchern gemacht und viele Jugendliche sind aus demselben Grund vermutlich Nichtraucher geblieben.

Außerdem - und das ist vielleicht sogar der wichtigere Faktor - sind die Zeiten, in denen Rauchen cool war, längst vorbei. Ganz im Gegenteil wird der gemeine Raucher immer mehr zum gesellschaftlichen Feindbild herangezüchtet. Vor einigen Jahren las ich in einem Interview mit Art Spiegelman (der als New Yorker uns Europäern ja ein paar Jahre voraus ist), daß er sich als Raucher schon richtiggehend verfolgt vorkommt. Tatsache ist, daß sich das Image des Rauchers grundlegend gewandelt hat. Man schaue sich nur einen alten Film an: Beinahe alle Personen rauchen dort, auch und insbesondere die "Guten". Heute kann man (zumindest in einem Mainstreamfilm) schon fast davon ausgehen, daß mit einer Figur, die raucht, irgendwas nicht in Ordnung ist. Vermutlich handelt es sich um einen fiesen Spion oder einen Erzbösewicht.

Und jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, wo das ganze für mich ins Ambivalente abgleitet. Ich bin selbst überzeugter Nichtraucher und seit ich nicht mehr in einem Raucherhaushalt lebe, bin ich auch was Rauch angeht sehr viel empfindlicher geworden. Früher konnte ich es gar nicht verstehen, wenn Leute mir gesagt haben, daß meine Kleidung nach Rauch riecht, aber inzwischen rieche ich das sogar schon selbst. Außerdem ist Rauchen im Gegensatz zu z.B. Alkohol kein "Verbrechen ohne Opfer". Wenn sich jemand jeden Tag ins Koma säuft, schadet er meistens nur sich selbst (es sei denn er kommt auf die dumme Idee dann noch Auto zu fahren), aber ein Raucher schadet - solange er seiner Sucht nicht nur daheim im stillen Kämmerlein nachgeht - immer auch seiner Umwelt. Und diese Umwelt muß man natürlich vor ihm schützen. Schwierig wird es aber, wenn es um die Frage geht, ob man den Raucher vor sich selbst schützen muß oder soll oder darf. Ich bin sehr tolerant eingestellt und auch wenn ich es für dumm halte, sich regelmäßig selbst zu vergiften, möchte ich das eigentlich gern in der Eigenverantwortung des Menschen lassen. Ich bin ja auch gegen das Verbot von Marihuana (auch, weil es erwiesenermaßen unschädlicher ist als Alkohol und die Nutzer daher meiner Meinung nach ungerechterweise kriminalisiert werden), wobei ich hier den gelegentlichen Konsum für noch deutlich weniger dumm halte, weil zumindest (neben den absterbenden Hirnzellen) auch ein positiver Effekt auftritt.

Außerdem ist das Rauchen irgendwie auch ein Stück unserer Kultur und wenn es irgendwann komplett ausstürbe (worauf der Trend ja hinzudeuten scheint) würde es mir schon irgendwie fehlen. Was wird dann aus meiner Fantasie, in der ich pfeiferauchend in einem Gentlemen's Club sitze und mit den Leuten dort verrückte Wetten abschließe? Im Gegensatz zu Zigaretten finde ich den Geruch einer Pfeife auch manchmal ganz angenehm. Ich habe hier im Haus jemanden, der ab und zu im Keller Pfeife raucht, und wenn ich dann zufällig dort vorbeikomme und das rieche, freue ich mich immer ein wenig.

Wie man sieht, bin ich kein völlig militanter Anti-Raucher, sondern habe mal wieder eine sehr diffuse Meinung. Das Vorgehen gegen das Rauchen erscheint mir zwar richtig und (um mal kurz die Droge zu wechseln) es wäre gesamtgesellschaftlich gesehen sicher auch wünschenswert, wenn es überall so hohe Steuern auf Alkohol gäbe wie in Skandinavien. Aber zum einen bin ich immer skeptisch, wenn Freiheitsrechte beschnitten werden, auch wenn es sich um das Recht handelt, sich selbst langsam zu vergiften, und zum anderen würde mir das Rauchen (genauso wie der Alkohol) als kulturelle Komponente irgendwie fehlen, sollte es tatsächlich irgendwann komplett von der Bildfläche verschwinden. Mal sehen, wohin die momentane Entwicklung uns führen wird.

Posted by kreetrapper at 31.01.07 23:45 in Thoughtgasm
Comments

Interessanter Link: Überblick über Racuhverbote in Europa

Posted by: kreetrapper at 01.02.07 21:59
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