(Rezension) Joanne K. Rowling – Harry Potter and the Deathly Hallows

[Vorbemerkung: Ich werde diese Rezension spoilerfrei halten, so daß sie auch von denjenigen problemlos gelesen werden kann, die das Buch noch nicht gelesen haben und z.B. auf die deutsche Ausgabe (die am 27. Oktober erscheint) warten. Ich schreibe sie allerdings so, daß alle wichtigen Elemente der bisherigen sechs Bände als bekannt und unspoilbar vorausgesetzt werden. Falls also jemand (aus welchen Gründen auch immer) den sechsten Band noch nicht gelesen haben sollte und es tatsächlich geschafft hat, bisher allen Spoilern dazu aus dem Weg zu gehen, sollte derjenige auch diese Rezension meiden.]

Der siebte und letzte Band der beliebten Reihe um den mittlerweile vielleicht bekanntesten Zauberer der Welt (gibt es dazu Studien?) ist gestern erschienen. Der Hype dürfte damit noch einmal ein neues Maximum erreichen, diesmal vermutlich ein absolutes, und dann in den nächsten paar Jahren mit den beiden verbleibenden Filmen noch zweimal kurz aufflackern, bevor er sich für immer zur Ruhe legt.

In der aktuellen Zeit findet sich ein Artikel, der das Phänomen Harry Potter als eine der schönsten Formen der sonst immer nur so häßlichen auftretenden Globalisierung benennt. Dem kann ich mich nur anschließen und es wäre schön, wenn wir irgendwann (hoffentlich bald) einen Punkt erreichen, an dem Globalisierung nicht mehr (nur) einen alles niederwalzenden Kapitalismus beschreibt, sondern eben auch die Möglichkeit einer (kulturellen) Weltgemeinschaft, die uns vor allem das Internet in den letzten Jahren beschert hat.

Ein Laden voller FreaksDoch zurück zum Buch: Ja ich war verrückt genug, mich um 1.00 Uhr nachts in eine Buchhandlung zu begeben (die Mayersche in Bochum, wo ich mich mit einem Freund und frenetischen Potter-Fan traf) und im Gegensatz zu der mauen Veranstaltung, die ich bei der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe des sechsten Bandes erlebt habe, gab es diesmal tatsächlich einen ganz ansehnlichen Mob von Freaks (ein Wort, das ich seit einiger Zeit eher als Kompliment und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen verwende).

Lesende FreaksWenn ich die Verkäuferin richtig verstanden habe (die ich auf meinem Heimweg zufällig dabei belauschte, wie sie der Zentrale berichtete), waren es etwas mehr als zweihundert Fans, die sich dort eingefunden hatten. Da Schlange stehen und Vordrängeln nicht meine Stärken sind, habe ich dann auch über eine Stunde an der Kasse gestanden, um meine 15.90 Euro (ein fairer Preis, der sogar die von amazon verlangten 18,90 unterbietet) zu entrichten. Ich hatte ja so ein bißchen gehofft, vielleicht den einen oder anderen netten Menschen hier kennenzulernen, aber die meisten haben dann tatsächlich sofort an Ort und Stelle zu lesen begonnen, sobald sie das Buch in Händen hielten. So kam es dann auch, daß mein Freund und ich es waren, die einer Reporterin Rede und Antwort über unsere Freakigkeit stehen mußten. Es besteht also die Chance, daß man mich morgen in der Bochumer Ausgabe der Ruhr-Nachrichten sehen kann.

Die ersten sechs Bände Zur Vorbereitung auf das Erscheinen des finalen Bandes hatte ich mir vor über fünf Monaten zu einem recht günstigen Preis die bisherigen sechs Bände auf Englisch gekauft (davor hatte ich alle Bände nur auf Deutsch gelesen), mit dem festen Vorsatz, sie noch einmal zu lesen, um alle wichtigen Ereignisse und versteckten Hinweise frisch im Gedächtnis zu haben. Aufgrund widriger Umstände und meiner mir eigenen Trödeligkeit wurde das auf den letzten Metern noch einmal richtig eng mit der Erfüllung dieses Vorhabens, aber letztlich habe ich es doch beizeiten geschafft (und damit sogar eine Wette gewonnen. HA! Take that, ye, of little faith!)

Über die letzten sechs Wochen meines selbstauferlegten Martyriums habe ich sogar Buch geführt. Die längliche Tabelle, die belegt, warum ich in den letzten Wochen zu wenig gekommen bin, auch nicht zu ausreichend Schlaf, findet sich am Ende dieses Beitrags.

Nach erfolgreichem Anstehen um den sagenumwobenen siebten Harry-Potter-Band und einem kurzen Abstecher zu Subway (*mjam*) war ich dann um Viertel nach zwei zu Hause und nach etwas weniger als 36 Stunden (weil ich gestern noch ein paar andere Sachen vorhatte und zwischendurch zwei mal schlafen mußte) habe ich das Buch nun beendet.

Nun schwebt die ewige Frage im Raum “Well, is it any good?”

Kurz gesagt: Ja, ist es. Rowling gelingt mit diesem siebten Band tatsächlich ein würdiger Abschluß der Saga um “den Jungen der lebte”. Alles fügt sich harmonisch ineinander und wirkt bis ins Letzte gut durchdacht. Besonders schön ist, daß das Nachdenken der Fans belohnt wird. In den letzten Jahren kursierten in Fankreisen die wildesten Theorien zum Status von Snape (gut oder böse?), zu dem von Dumbledore (wirklich tot?), zur Identität und dem Aufenthaltsort der verbleibenden Horkruxe, und vor allem natürlich dazu, welche der Handlungsträger es lebendig bis zum Ende des siebten Buches schaffen und welche vorher das Zeitliche segnen müssen. Einige meiner eigenen Theorien sehen sich nun durch das Buch bestätigt, während andere sich als völlig haltlos erwiesen. Genau wie es sein sollte.

Für mich hat sich das Buch beim Lesen in zwei Teile geteilt. Der erste, etwas längere, hat mir noch einmal all das vor Augen geführt, was mich schon beim erneuten Lesen der letzten Bände immer wieder gestört hat. Wenn ich einen Roman lese, dann brauche ich in der Regel eine Identifikationsfigur, jemanden, auf dessen Seite ich stehe, dessen Meinungen ich (größtenteils) teilen oder wenigstens verstehen kann. So jemanden in den Harry-Potter-Büchern zu finden, ist mir zwischenzeitlich immer wieder sehr schwer gefallen. Denn über kurz oder lang verhalten sich alle wichtigen Handlungsträger auf die eine oder andere Art wie Deppen. Insbesondere Harry stürmt immer wieder ohne Nachzudenken und nur seinem Zorn oder ähnlichen Gefühlen folgend blindlings voran, er ist egoistisch, egozentrisch, rechthaberisch und uneinsichtig. Es fällt mir schwer für so jemanden Partei zu ergreifen. Und auch Ron und Hermi(o)ne gehen mir mit ihren ständigen lächerlichen Streitereien ziemlich auf die Nerven. Ich weiß, daß das für Teenager wohl als normales Verhalten durchgeht, aber trotzdem macht es mir keinen Spaß das zu lesen und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich den Figuren “Jetzt krieg dich wieder ein” zuschreie.

Dieses nervige Verhalten (das sich überraschenderweise auch bei Dumbledore findet, der oft blindes Vertrauen erwartet, ohne die Hintergründe zu erklären) hemmt meine Lesefreude, zumindest in den Passagen, in denen es besonders massiert zu finden ist. Die erste Hälfte dieses siebten Potter-Bandes ist voll von solchen Passagen und der Grund ist, daß – ähnlich wie in Band fünf, der mir trotz der wundervoll-seltsamen Luna am wenigsten gefallen hat – lange Zeit über kaum etwas passiert. So ist es ja auch im Leben, wenn man darauf wartet, daß etwas passiert und das kommt und kommt nicht, wird man ungehalten, nervös und reizbar. Und so reagieren eben auch Rowlings Protagonisten; verständlich, aber trotzdem kein Lesegenuß für mich.

Doch wenn die Handlung ab der Mitte des Buches endlich so richtig ins Rollen kommt und wir unaufhaltsam auf das große Finale zusteuern, legt sich das zum Glück und ab dann hat mir das Buch auch wieder richtig Spaß gemacht. Hier ist es voller spannender Abenteuer, mutiger Heldentaten, abscheulicher Untaten und vor allem immer wieder auch überraschender Wendungen. Und hier kann ich auch wieder verstehen, warum diesen Bücher so ein großer Erfolg beschieden ist, denn das ist wirklich feinste Unterhaltung. Und trotz aller Graustufen ist die Harry-Potter-Saga eben letztlich und endlich doch nichts anderes ein klassisches Beispiel des großen Kampfes Gut gegen Böse, etwas das die Menschen seit jeher tief in ihrem Inneren anzusprechen scheint. Und so ein Kampf gehört, wenn er – wie hier – gut erzählt wird, zu den Geschichten die man in leichten Variationen immer wieder hören kann.

Alles in allem bin ich also zufrieden mit diesem Buch. Es rundet die Geschichte um Harry Potter sehr gelungen ab und Rowling hat mich nicht enttäuscht, wie ich es zwischenzeitlich ein wenig befürchtet hatte.

Um die Tabelle zu sehen, einfach auf “Den ganzen Beitrag lesen” klicken.

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(Rezension) Ed Brubaker / Steve Epting – Captain America

(genauer, Captain America, Vol. 5 # 1-9,11-21 und das 65th Anniversary Special; # 10 war Teil des Mega-Crossovers House of M und hat mit der regulären Storyline nichts zu tun; das Special hat den Status eines Annuals, das heißt, es erzählt eine komplette Geschichte, die man nicht notwendigerweise gelesen haben muß, um der Handlung der regulären Reihe folgen zu können, die aber einige interessante Details zum Hintergrund eben jener Handlung beiträgt: Brubaker ist für alle Hefte als Autor verantwortlich, wohingegen Epting zum einen die Flashback-Szenen in allen Heften Michael Lark überläßt und sich auch einige Auszeiten beim Zeichnen genommen hat, während derer er von Mike Perkins vertreten wurde)

Man merkt schon am Namen, daß Captain America der wohl amerikanischste aller Superhelden ist. Und das ist vielleicht auch sein größtes Problem. Mehr noch als Superman wird er oft als der ultimative Pfadfinder porträtiert, der für Großmutters Apfelkuchen und den ursprünglichen, unverfälschten amerikanischen Traum steht. Und das ist zwar schön und gut, hat aber oft dazu geführt, daß die Geschichten um ihn ins Langweilige oder ins unangenehm Moralische abgleiten. Der Ansatz funktioniert deutlich besser im Zusammenspiel mit anderen Figuren, weswegen diese Interpretation des Captains in einer Team-Serie wie zum Beispiel den Rächern weniger unangenehm auffällt. Aber in seiner Soloserie tat man sich damit schwerer. Ein Problem ist es auch, daß Cap ja mit seiner Uniform, seinem Namen und auch aufgrund seiner Entstehungsgeschichte sozusagen der Oberpatriot ist, es aber in der Geschichte der USA immer wieder auch Phasen gab, in denen z.B. die Regierung einen bedingungslosen Patriotismus gar nicht verdient hat. Die Captain-America-Comics haben auf solche Situationen zum Beispiel damit reagiert, daß Cap seinen Job als Aushängeschild der Regierung hingeschmissen hat und fortan als Nomad durch die Gegend zog. Aber das kann natürlich kein Dauerzustand sein und so ist man früher oder später wieder demselben Problem ausgesetzt.

Die Pfadfinder-Mentalität, die Cap oft an den Tag legt, ist auch deshalb problematisch, weil sie so gar nicht zu seiner Entstehungsgeschichte passen will. Cap war ursprünglich Soldat und sollte also eine deutlich pragmatischere Einstellung zum Töten der Bösen™ haben.

In letzter Zeit hat man daher versucht, die Figur des Captain America zu modernisieren. Im ultimativen Ableger des Marvel-Universums hat man einen deutlich pragmatischeren, gewalttätigeren Captain America geschaffen, der gut in das zynische Geflecht von Mark Millars Ultimates paßt, aber kaum noch als die Figur zu erkennen ist, die jahrelange Fans kennen und lieben. Als gescheitert kann sicherlich der Versuch gewertet werden, Cap in einer Post-9-11-Welt plötzlich gegen (natürlich muslimische) Terroristen antreten zu lassen und dabei allzu politisch zu werden. Generell kann ein allzu politischer Captain America wohl nicht funktionieren. Schon gar nicht wenn er scheinbar ohne eigenen Willen als Instrument der Regierung dient, und noch dazu dieser Regierung, die ja gerade alles dafür tut, um als die unbeliebteste US-Regierung aller Zeiten in die Geschichte einzugehen.

Umso erfreulicher ist es, daß es dem überaus begabten Ed Brubaker tatsächlich gelungen ist, mit der aktuellen Captain-America-Serie zu einem funktionierenden Konzept zu finden, das all die wesentlichen Punkte Captain Americas vereint und zudem noch sehr interessant und spannend ist. Die von Brubaker geschriebenen Ausgaben sind eine gelungene Mischung aus der Tradition des Weltkriegshelden und der Modernität eines Jack Bauer. So sind in das aktuelle Geschehen um Terroranschläge und Waffenschieber immer wieder Rückblenden eingebaut, die Cap und seinen Partner Bucky während des Zweiten Weltkriegs zeigen. Brubaker nutzt geschickt die reiche Vergangenheit des Charakters. So spielen Sharon Carter, der kosmische Würfel und natürlich auch der Red Skull eine wichtige Rolle in der von Brubaker erzählten Geschichte. Gleichzeitig ist aber die Umgebung, in der die Figuren agieren, offensichtlich modern. Dies und die starke Rolle, welche die Superagententruppe SHIELD spielt, machen aus der Serie fast einen Agententhriller. Zwar gibt es immer mal wieder auch die für Superheldencomics obligatorischen Prügeleien, aber der große Oberbösewicht ist eben nicht in ein schillerndes Kostüm gekleidet, sondern leitet einen Megakonzern und läßt die Schmutzarbeit irgendwelche Handlanger erledigen.

Wie gut diese Serie unter der Feder Brubakers geworden ist, zeigt Ausgabe 7, die vollkommen der tragischen Geschichte einer Nebenfigur gewidmet ist und in der der Titelcharakter überhaupt nicht vorkommt, die aber trotzdem in ihrer Konsequenz und Detailliertheit sicher zu den Highlights der Serie zählt.

Ab Ausgabe 22 erreicht diese Serie allerdings, wie auch das komplette restliche Marvel-Universum, das Mega-Crossover Civil War, und auch wenn der Einfluß des Civil-War-Hauptplots hier nicht so stark zu spüren ist wie z.B. in Amazing Spider-Man, so ist Captain America nun einmal einer der beiden wichtigsten Handlungsträger von Civil War und so kann diese Serie bzw. deren Ereignisse leider nicht ignorieren. Ab diesem Punkt ist Captain America daher mit Vorsicht zu genießen, wobei die Qualität der Serie an sich bisher nach wie vor konstant hoch geblieben ist, ein wenig stören nur all die Dinge, die im Hintergrund in diversen anderen Serien passieren und die leider eben oft von weniger talentierten Autoren geschrieben werden.

Da wir glücklicherweise inzwischen im Zeitalter des Tradepaperbacks leben, kann man die hier rezensierten Hefte nach wie vor bequem in diesen vier schmucken Sammelbänden kaufen.

Winter Soldier Vol. 1
Winter Soldier Vol. 2
Red Menace Vol. 1
Red Menace Vol. 2

Also, erst diese vier Bände bestellen und dann alle zusammen:

When Captain America throws his mighty shield,
All those who chose oppose his shield must yield.

If he’s lead to a fight and a duel is due,
Then the red and white and the blue’ll come through.

When Captain America throws his mighty shield.

Sicherheitsverwahrung

Sicherheit ist eine tolle Sache. Wer wäre nicht gern vollkommen sicher vor jedwedem Übel und jeglicher Arg?

Doch während man älter wird, muß man mit der Zeit lernen, daß es absolute Sicherheit auf dieser Welt leider nicht gibt. Diese Einsicht ist ein wichtiger Schritt des Erwachsenwerdens. Und doch trifft man immer wieder auf Individuen, die diesen wichtigen Entwicklungsschritt einfach übersprungen zu haben scheinen. Einer davon ist seit einiger Zeit sogar Bundesminister des Inneren. Jener Minister leidet ganz offensichtlich unter schwerer Paranoia und sieht sich von seinen Feinden umzingelt.

Solche Personen, die sich hundertprozentig sicher sind, daß die Welt sich gegen sie verschworen hat, gibt es immer wieder mal. Das ist traurig und man sollte soweit als möglich versuchen, jenen Verwirrten zu helfen. In der Regel sind solchermaßen kranken Menschen für niemanden eine Gefahr – höchstens für sich selbst. Leider hat allerdings einer dieser Paranoiker jetzt aber das Innenministerium unter sich und versucht sich mit Hilfe neuer Gesetze (und immer öfter auch gegen die bestehende Gesetzeslage) die für ihn so wichtige absolute Sicherheit zu schaffen.

Es ist höchst bedenklich, daß jemand der so offensichtlich gegen die Intention (und oft auch den genauen Wortlaut) des Grundgesetzes arbeitet und bereit ist jede Menge grundlegender Bürgerrechte der Illusion totaler Sicherheit zu opfern, ein derart hohes Amt in dieser Republik bekleidet. Noch bedenklicher ist es, daß er nun schon beinahe zwei Jahre im Amt ist und ihn niemand daran zu hindern scheint, munter auf diesem Wege weiterzumachen. Gut, seine extremen Gesetze werden immer wieder vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, aber dessen Aufgabe ist es ja eigentlich nicht einen wildgewordenen Minister im Zaum zu halten. Vielmehr sollte man sich nach einer gewissen Anzahl solcher Urteile des Bundesverfassungsgerichtes doch eigentlich langsam mal fragen, ob da nicht der falsche Mann an der Spitze dieses Ministeriums sitzt.

Das alles wäre schon schlimm genug und ist auch schon seit einiger Zeit der Stand der Dinge, ohne daß sich in nennenswerter Weise Widerstand regt (eine der Ausnahmen). Aber wie man heute sehen konnte, gibt es eben immer noch eine Steigerung.

Jetzt möchte der gute Herr Innenminister gern Internierungslager für Terrorverdächtige. Wohl weil sich das in den USA so gut bewährt hat. Aber hier hört der Wahnsinn noch lange nicht auf. Von “gezielten Tötungen” ist da auf einmal die Rede. Und der größte Skandal dabei ist es dann wohl, daß nicht der komplette Bundestag, Regierung und Opposition mit einer Stimme empört aufschreien, ob dieses Wahnsinns, der das allen Ernstes geäußert wird. Stattdessen hält man dies in CDU-Kreisen tatsächlich für diskussionswürdige Ideen, auf deren Grundlage man konkrete politische Realitäten schaffen möchte.

Das ist eine Unerhörtheit, die ich in so einer Form – trotz der schleichenden Erodierung des Rechtsstaates – dann doch nicht erwartet hätte.

Die Kommentare in diesem Blogeintrag des Spiegelfechters bringen es auf den Punkt. In Deutschland sterben jährlich erheblich mehr Menschen an den Folgen eines Autounfalls (mehrere tausend im Jahr 2006) als an einem Terroranschlag (0 im Jahr 2006). Um all die Unfalltoten zu verhindern schafft es die Regierung nicht einmal ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen einzuführen wie es in allen anderen europäischen Ländern längst gang und gäbe ist. Der Grund: Die Freiheitsrechte der Autofahrer würden dadurch unnötig eingeschränkt. Würde man gegen die (faktisch nachweisbaren) Unfalltoten auf deutschen Straßen auf dieselbe Weise vorgehen wie gegen die (erwarteten) Terrortoten, dann wäre mittlerweile jedes Auto mit einem Computer ausgerüstet, der es dem Fahrer gar nicht mehr ermöglichen würde, die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten. Setzte man sich angetrunken ans Steuer, würde das Auto das automatisch erkennen und gleich die Polizei rufen, die einen erst mal für einige Zeit ins Gefängnis steckte.

Im Straßenverkehr klingen solche Maßnahmen abstrus und lächerlich. Warum läßt man es dann im “Krieg gegen den Terror” ohne Widerworte zu?

Europas Babyschritte

So, wieder einmal ist ein EU-Gipfel erfolgreich abgeschlossen worden und damit auch beinahe gleichzeitig die deutsche Ratspräsidentschaft. Wobei, vielleicht sollte man doch langsam anfangen, hierbei eher von “Krisensitzungen” statt von “Gipfeln” zu reden. Denn die vielbeschworene Krise der EU ist trotz allem Jubel um die große Diplomatin und das Wunderkind schlechthin, Angela Merkel, noch nicht umschifft.

Ähnlich wie beim ebenfalls als “großen Erfolg” gefeierten G8-Gipfel vor einigen Wochen, wurde auch in Brüssel nicht wirklich etwas beschlossen – auch wenn das zähe Gerangel und all das Hauen und Stechen diesen Eindruck erwecken. Nein, auch hier hat man letztlich nur eine gemeinsame Absicht zusammengezimmert. Und man hat ja bei der Verfassung gesehen, wieviel man auf so etwas geben kann.

Inzwischen ist selbst dem trotz Jobwechsels nach wie vor grinsenden Tony Blair entfallen, warum er den Verfassungsvertrag damals eigentlich unterzeichnet hat, und so hat er die Gelegenheit genutzt, um noch ein bißchen weiterzuverhandeln. Ja, okay, man hatte sich bereits damals auf einen fairen Kompromiß geeinigt, aber vielleicht geht es ja doch noch ein bißchen fairer. Das Ergebnis ist, daß wir zwar nun eine europaweite Grundrechtecharta haben, auf die sich jeder Europäer im Zweifelsfall berufen kann – etwas das im Angesicht der Pläne des hiesigen Innenministeriums vielleicht schon früher nötig sein wird, als uns allen lieb ist. Aber das gilt leider nur, wenn man nicht zufällig das Pech hat, britischer Staatsbürger zu sein. Denen gönnt ihr nun schon fast eine Woche in der Vergangenheit liegender Premierminister nämlich diesen Luxus nicht. Warum, das bleibt sein Geheimnis. Vielleicht liegt es daran, daß man hier schon viel weiter auf dem Weg in Richtung eines Anti-Terror-Staates nach US-amerikanischem Vorbild vorangeschritten ist. Oder es ist doch nur wieder die Gefahr, daß der gefährliche französische Sozialismus damit einen Fuß in der britischen Tür hätte.

Besonders peinlich war allerdings mal wieder das Auftreten der polnischen Kaczyński-Zwillinge, die zwischenzeitlich sogar ganz knapp an Godwin vorbeigeschrammt sind, als sie in den Tagen vor dem Gipfel ernsthaft vorgeschlagen haben, man müsse doch bei der Stimmengewichtung auch die ganzen polnischen Kriegstoten bedenken. Und die Farce setzte sich auch in Brüssel selbst fort: Als der angereiste Zwilling gerade bereit war auf einen Kompromiß einzugehen, fuhr ihm sein daheimgebliebener Bruder in die Parade und stellte fest, daß dieser Kompromiß ihm dann doch nicht gut genug sei. Ob diser Dreistigkeit mußte sich selbst die sonst so sanftmütige, geborene Diplomatin und Miss World Angela Merkel für einen Moment vergessen und den Polen ein trotziges “Dann beschließen wir das eben ohne Euch” entgegenschleudern, so daß diesmal ihre Kollegen die Diplomatie übernehmen mußten. “Ganz ruhig, Joe…äh Angie, wir reden noch mal mit denen.”

Das stundenlange Geschacher der Polen, der Briten, aber wohl auch einiger anderer Anwesender, scheint diesmal besonders entwürdigend gewesen zu sein und hat Romano Prodi dazu veranlaßt folgendes zu sagen: “As a European, allow me to be embittered for the spectacle I find before me.”

Und so kam am Ende wieder einer dieser typischen EU-Kompromisse bei der Sache heraus. (Hier findet man eine gute Zusammenfassung des neuen Vertrages) Das ist doppelt schade. Zum einen, weil ja die alte Verfassung selbst schon ein zäh errungener Kompromiß war, dem – wohlgemerkt – damals alle Regierungschefs zugestimmt hatten. Wenn man jetzt alles jederzeit immer wieder neu verhandelt, wird der integrative Fortschritt in der EU wohl in Zukunft noch langsamer voranschreiten. Zum anderen ist es relativ schade, um die vielbeschworene Quadratwurzelformel, für die man in unserem östlichen Nachbarland sogar bis in den Tod gehen wollte. Diese ist übrigens von Bochumer Mathematikern entwickelt worden und ist nachgewiesenermaßen deutlich demokratischer als sowohl die alte als auch die neue Regelung (aber natürlich immer noch weniger demokratisch als ein endlich tatsächlich legislativ wirkendes EU-Parlament).

Der neue Grundlagenvertrag ist übrigens, wie allerorten stolz verkündet wird, zu 95% mit der alten Verfassung identisch, viele der Neuerungen sind kosmetischer Natur (der EU-Außenminister darf jetzt nicht mehr so heißen) oder kleinliche Opt-Out-Rosinenpickerei. Das freut zwar einerseits die Befürworter eben jener Verfassung, ist aber letztendlich ein Schlag ins Gesicht für die Bürger Frankreichs und der Niederlande, die ja die Verfassung mehrheitlich abgelehnt haben und sie nun durch die Hintertür doch noch bekommen. Dies und auch die unnötige Verkomplizierung des ganzen durch die Neuerungen (z.B. ist die Grundrechtecharta jetzt nicht mehr Teil des neuen Vertrages, sondern wird nur noch von dort referenziert – damit hält der Hyperlink endlich auch Einzug ins Gesetzeswerk der EU) ist leider genau gegenläufig zu der Transparenz und Bürgernähe, die sich die EU in ihrer Denkpause auf die Fahnen geschrieben hatte. Das wird nicht zu ihrer Beliebtheit beitragen und so wird es die grundsätzlich gute Idee der europäischen Einigung auch in Zukunft sehr schwer haben.

Vorsicht, frisch gestrichen

Wie man sieht, ist dieses neue Blog noch nicht völlig zuende designt. Das wird aber im Laufe der nächsten Tage und Wochen nachgeholt und auch die Sidebar wird sich nach und nach mit Leben (und vor allem Links) füllen.

Mir war es jedoch – wie schon im Mission Statement geschrieben – vor allem wichtig Inhalt zu produzieren. Die Form ist da momentan zweitrangig, d.h. ich widme mich ihr, wenn ich die Zeit dazu finde, nehme mir diese aber nicht extra.

Trotzdem hoffe ich natürlich, daß es schon bald etwas wohnlicher hier aussehen wird.

Mission Statement

Hallo zusammen!

Bis vor einigen Monaten habe ich mehr oder weniger regelmäßig ein Blog namens Persistent Illusions geführt.

Während meiner Abwesenheit von der Blogosphäre (zumindest als aktiver Teilnehmer) ist eine Menge passiert und einiges davon hat mich davon überzeugt zurückzukommen. In der Quintessenz kann ich meine Beweggründe in zwei Zitaten von Personen zusammenfassen, die während meiner Sendepause leider von uns gegangen sind.

“Man kann nicht nicht kommunizieren.”

“We are here to help each other through this thing, whatever it is”

Wie das erste Zitat zeigt, habe ich auch durch mein Nicht-Bloggen etwas gesagt. Und zwar, daß ich mich aus Faulheit oder Defätismus oder was auch immer aus meiner Verantwortung stehlen möchte. Welche Verantwortung das ist, sagt das zweite Zitat. Auch wenn der Einfluß dieses bescheidenen kleinen Blogs auf die große böse Welt nur sehr begrenzt ist, so möchte ich doch durch meine Texte etwas dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Zum Beispiel, indem ich besonders eklatante Schlechtigkeiten anprangere. Und wie die letzten Wochen und Monate gezeigt haben, ist das bitter nötig. Erst wenige Wochen ist es her, daß wieder einmal Millionen von Steuergeldern verpulvert wurden, nur damit ein paar Leute, die sich besonders wichtig vorkommen, ein Kaffeekränzchen hinter einem formschönen Zaun abhalten konnten. Und damit sie sich auch wirklich ganz sicher fühlen konnten, hat man schon mal damit angefangen, den Bürger auf der Straße stärker zu überwachen. Denn dem ist ja bekanntlich alles zuzutrauen. Dann gab es Wahlen in Belgien und Frankreich, und leider geht der Trend nicht in eine Richtung, die einen hoffnungsfroh stimmt.

Frankreich rückt nach rechts

Frankreich rückt nach rechts (ergoogeltes Stillbild aus der Harald-Schmidt-Show, die es in dieser Form inzwischen nicht mehr gibt)

Und im Inland sieht es auch nicht wirklich rosig aus. Die Gruppen an Ewiggestrigen werden wieder größer und vor allem lauter. Vermutlich schlußfolgert man in deren Kreisen, da sich ja auch der Kapitalismus zu seinen Frühformen zurückentwickelt, könne das auch der deutsche Staat mal wieder tun. Die Arbeitslosenzahlen stützen diese These, ebenso wie die nach wie vor immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, an der auch die lautstarke Instanziierung einer neuen Partei links von der SPD (und da ist ja auch nun wirklich mittlerweile genug Platz geschaffen worden) nicht viel ändern wird.

Seit einiger Zeit lese ich mit Begeisterung zwei (relativ) neue Blogs, die zeigen, daß die deutschsprachige Blogosphäre doch nicht so trostlos ist, wie sie mir immer vorkam (vor allem im Gegensatz zur englischen und französischen). Zum Einstieg empfehle ich Euch diesen Beitrag von Stefan Niggemeier und diesen oder diesen vom Spiegelfechter.

Altleser von Persistent Illusions möchte ich aber an dieser Stelle doch beruhigen. Trotz dieses neugefundenen Fokus auf Relevantes opfere ich meine anderen Interessen nicht völlig dem Politischen. Es wird auch weiterhin Beiträge über Linguistik, Astrophysik und natürlich Comics geben. Auch Rezensionen werden es immer wieder einmal in dieses neue Blog schaffen. Aber nicht zwanghaft zu allem und jedem, sondern nur, wenn ich meine, tatsächlich etwas zu sagen zu haben. Auch in diesen Bereichen gilt also: Content is King!

Schließen möchte ich diesen ersten Eintrag einer neuen Ära mit den inspirierenden Worten von Angel:

“Nothing in the world is the way it ought to be. It’s harsh and cruel.
But that’s why there’s us — champions. Doesn’t matter where we come from,
what we’ve done or suffered or even if we make a difference.
We live as though the world were as it should be — to show it what it can be.”
(Angel to Connor in Deep Down)