(Rezension) Ed Brubaker / Steve Epting – Captain America

(genauer, Captain America, Vol. 5 # 1-9,11-21 und das 65th Anniversary Special; # 10 war Teil des Mega-Crossovers House of M und hat mit der regulären Storyline nichts zu tun; das Special hat den Status eines Annuals, das heißt, es erzählt eine komplette Geschichte, die man nicht notwendigerweise gelesen haben muß, um der Handlung der regulären Reihe folgen zu können, die aber einige interessante Details zum Hintergrund eben jener Handlung beiträgt: Brubaker ist für alle Hefte als Autor verantwortlich, wohingegen Epting zum einen die Flashback-Szenen in allen Heften Michael Lark überläßt und sich auch einige Auszeiten beim Zeichnen genommen hat, während derer er von Mike Perkins vertreten wurde)

Man merkt schon am Namen, daß Captain America der wohl amerikanischste aller Superhelden ist. Und das ist vielleicht auch sein größtes Problem. Mehr noch als Superman wird er oft als der ultimative Pfadfinder porträtiert, der für Großmutters Apfelkuchen und den ursprünglichen, unverfälschten amerikanischen Traum steht. Und das ist zwar schön und gut, hat aber oft dazu geführt, daß die Geschichten um ihn ins Langweilige oder ins unangenehm Moralische abgleiten. Der Ansatz funktioniert deutlich besser im Zusammenspiel mit anderen Figuren, weswegen diese Interpretation des Captains in einer Team-Serie wie zum Beispiel den Rächern weniger unangenehm auffällt. Aber in seiner Soloserie tat man sich damit schwerer. Ein Problem ist es auch, daß Cap ja mit seiner Uniform, seinem Namen und auch aufgrund seiner Entstehungsgeschichte sozusagen der Oberpatriot ist, es aber in der Geschichte der USA immer wieder auch Phasen gab, in denen z.B. die Regierung einen bedingungslosen Patriotismus gar nicht verdient hat. Die Captain-America-Comics haben auf solche Situationen zum Beispiel damit reagiert, daß Cap seinen Job als Aushängeschild der Regierung hingeschmissen hat und fortan als Nomad durch die Gegend zog. Aber das kann natürlich kein Dauerzustand sein und so ist man früher oder später wieder demselben Problem ausgesetzt.

Die Pfadfinder-Mentalität, die Cap oft an den Tag legt, ist auch deshalb problematisch, weil sie so gar nicht zu seiner Entstehungsgeschichte passen will. Cap war ursprünglich Soldat und sollte also eine deutlich pragmatischere Einstellung zum Töten der Bösen™ haben.

In letzter Zeit hat man daher versucht, die Figur des Captain America zu modernisieren. Im ultimativen Ableger des Marvel-Universums hat man einen deutlich pragmatischeren, gewalttätigeren Captain America geschaffen, der gut in das zynische Geflecht von Mark Millars Ultimates paßt, aber kaum noch als die Figur zu erkennen ist, die jahrelange Fans kennen und lieben. Als gescheitert kann sicherlich der Versuch gewertet werden, Cap in einer Post-9-11-Welt plötzlich gegen (natürlich muslimische) Terroristen antreten zu lassen und dabei allzu politisch zu werden. Generell kann ein allzu politischer Captain America wohl nicht funktionieren. Schon gar nicht wenn er scheinbar ohne eigenen Willen als Instrument der Regierung dient, und noch dazu dieser Regierung, die ja gerade alles dafür tut, um als die unbeliebteste US-Regierung aller Zeiten in die Geschichte einzugehen.

Umso erfreulicher ist es, daß es dem überaus begabten Ed Brubaker tatsächlich gelungen ist, mit der aktuellen Captain-America-Serie zu einem funktionierenden Konzept zu finden, das all die wesentlichen Punkte Captain Americas vereint und zudem noch sehr interessant und spannend ist. Die von Brubaker geschriebenen Ausgaben sind eine gelungene Mischung aus der Tradition des Weltkriegshelden und der Modernität eines Jack Bauer. So sind in das aktuelle Geschehen um Terroranschläge und Waffenschieber immer wieder Rückblenden eingebaut, die Cap und seinen Partner Bucky während des Zweiten Weltkriegs zeigen. Brubaker nutzt geschickt die reiche Vergangenheit des Charakters. So spielen Sharon Carter, der kosmische Würfel und natürlich auch der Red Skull eine wichtige Rolle in der von Brubaker erzählten Geschichte. Gleichzeitig ist aber die Umgebung, in der die Figuren agieren, offensichtlich modern. Dies und die starke Rolle, welche die Superagententruppe SHIELD spielt, machen aus der Serie fast einen Agententhriller. Zwar gibt es immer mal wieder auch die für Superheldencomics obligatorischen Prügeleien, aber der große Oberbösewicht ist eben nicht in ein schillerndes Kostüm gekleidet, sondern leitet einen Megakonzern und läßt die Schmutzarbeit irgendwelche Handlanger erledigen.

Wie gut diese Serie unter der Feder Brubakers geworden ist, zeigt Ausgabe 7, die vollkommen der tragischen Geschichte einer Nebenfigur gewidmet ist und in der der Titelcharakter überhaupt nicht vorkommt, die aber trotzdem in ihrer Konsequenz und Detailliertheit sicher zu den Highlights der Serie zählt.

Ab Ausgabe 22 erreicht diese Serie allerdings, wie auch das komplette restliche Marvel-Universum, das Mega-Crossover Civil War, und auch wenn der Einfluß des Civil-War-Hauptplots hier nicht so stark zu spüren ist wie z.B. in Amazing Spider-Man, so ist Captain America nun einmal einer der beiden wichtigsten Handlungsträger von Civil War und so kann diese Serie bzw. deren Ereignisse leider nicht ignorieren. Ab diesem Punkt ist Captain America daher mit Vorsicht zu genießen, wobei die Qualität der Serie an sich bisher nach wie vor konstant hoch geblieben ist, ein wenig stören nur all die Dinge, die im Hintergrund in diversen anderen Serien passieren und die leider eben oft von weniger talentierten Autoren geschrieben werden.

Da wir glücklicherweise inzwischen im Zeitalter des Tradepaperbacks leben, kann man die hier rezensierten Hefte nach wie vor bequem in diesen vier schmucken Sammelbänden kaufen.

Winter Soldier Vol. 1
Winter Soldier Vol. 2
Red Menace Vol. 1
Red Menace Vol. 2

Also, erst diese vier Bände bestellen und dann alle zusammen:

When Captain America throws his mighty shield,
All those who chose oppose his shield must yield.

If he’s lead to a fight and a duel is due,
Then the red and white and the blue’ll come through.

When Captain America throws his mighty shield.

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