Eine Woche in neuer Rechtschreibung

Zumindest was die Bundesrepublik angeht, ist seit letztem Mittwoch die Diskussion um die unsägliche und (auch von mir) vielgescholtene Rechtschreibreform vom Tisch. Damit ist ein über zehnjähriger Prozeß nun endlich an seinem Ende angelangt. Alle Schlachten sind geschlagen, einige gewonnen und einige verloren worden. Die neue Rechtschreibung ist “here to stay” und vermutlich werden im Lauf der nächsten paar Jahre auch die letzten Verfechter der klassischen Schreibregelung (wie z.B. diese Herren hier) aufgeben oder zumindest so weit marginalisiert werden, daß ihnen keine große Bedeutung mehr zugemessen wird. Ich selbst bin noch ein wenig unschlüssig, ob ich nun doch noch einknicke und mich zähneknirschend der normativen Kraft des Faktischen beuge oder weiter in meiner klassischen Schreibung verharre, deren Feinheiten ich durch die Jahrzehnte des Verwirrens inzwischen sowieso schon kaum noch beherrsche. Das wird die Zeit zeigen. Im Beruf muß ich mich ja zwangsläufig an die neue Schreibung halten (es sei denn wir haben da eine dieser beliebten Hausorthographien, aber das hätte mir ja hoffentlich mittlerweile mal jemand gesagt).

Anatol Stefanowitsch aus dem Bremer Sprachblog ist zuversichtlich, “dass die selbstreinigenden Kräfte der Schriftsprache das ‘Durcheinander’ alternativer Schreibweisen irgendwann beseitigen werden”. Und vermutlich hat er recht damit. Ich kann nur hoffen, daß auch die von ihm zitierte Schleswig-Holsteinische Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave richtig liegt, wenn sie sagt

Es wird vielleicht noch ein paar Jahre dauern, aber dann wird kein Mensch mehr merken, dass wir eine Reform hatten.

Aber wenn man bedenkt, wie wenig das Thema noch im öffentlichen Diskurs zu finden ist, kann ich mir gut vorstellen, daß sie mit dieser Prognose recht haben wird. Mittelfristig, so denke ich, ist es durchaus möglich, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung, der momentan ähnlich z.B. der Real Academia Española oder der Académie française über die deutsche Rechtschreibung wacht, wieder aufgelöst wird und der Duden mit seiner meist doch recht erfolgreichen Mischung aus deskriptivistischer Anpassung an den Volksmund und präskriptivistischer Regelinstanz wieder “maßgeblich in allen Zweifelsfällen” wird. Mir hat diese weniger stark institutionalisierte Version besser gefallen, zum einen, weil eben großer Wert auf den deskriptiven Anteil gelegt wurde (und trotz meinem Hang zur Pedanterie und zum Regelfetischismus bin ich, wie fast alle Linguisten, eben doch eigentlich ein Deskriptivist), zum anderen, weil es irgendwie im Hintergrund ablief und keine Ideologie dahinterstand. Beim Rat für deutsche Rechtschreibung besteht meiner Meinung nach eher die Gefahr, daß er sich, wie die Académie française es in Frankreich tut, zum Oberhüter der deutschen Sprache aufschwingt und anfängt gegen die Anglizismen zu Felde zu ziehen. Man kann nur hoffen, daß es dazu nicht kommen wird und die verbliebenen Stolpersteine der Reform tatsächlich im Laufe der nächsten Jahre durch den Gebrauch und die gute, alte unsichtbare Hand geglättet werden.

Ich denke schon, daß es über kurz oder lang so kommen wird, daß sich die Schreibung irgendwo in der Mitte einschleifen wird und abstruse Ausnahmefälle per Analogiebildung langsam wegsterben. Die “selbstreinigende Kraft” der Sprache eben. Sprache ist eben doch eher einem Organismus als einem starren Regelsatz zu vergleichen. Und man kann davon ausgehen, daß ein solcher Organismus sich selbst heilt. Hoffentlich schnell genug, daß Leute wie ich die einzige wirkliche “verlorene Generation” sind, die diesem Wirrwarr und langwierigen Hin und Her in seiner Gänze ausgesetzt waren. Die noch folgenden Veränderungen werden allmählich, und vor allem, vom Großteil der Sprachgemeinschaft unbemerkt vor sich gehen. Und irgendwann ist die Reform nur noch eine leise Erinnerung.

Und außerdem, seid ehrlich, welche Neuregelung außer der sz-Schreibung (die sicherlich zu den sinnvolleren Neuerungen gehört) ist Euch denn wirklich bewußt? Mir so gut wie keine, wenn ich mich nicht erheblich darauf konzentriere. Seht Ihr, der Heilungsprozeß hat schon eingesetzt.

4 thoughts on “Eine Woche in neuer Rechtschreibung

  1. Schön, dass du deinen Frieden mit neuen Rechtschreibung machst.

    “Mittelfristig, so denke ich, ist es durchaus möglich, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung, der momentan ähnlich z.B. der Real Academia Española oder der Académie française über die deutsche Rechtschreibung wacht, wieder aufgelöst wird und der Duden mit seiner meist doch recht erfolgreichen Mischung aus deskriptivistischer Anpassung an den Volksmund und präskriptivistischer Regelinstanz wieder “maßgeblich in allen Zweifelsfällen” wird.”

    Ich habe die deutsche Sprache lieber in einem halbwegs demokratisch legitimierten Gremium verhandelt, als bei einem marktabhängigen Unternehmen wie dem Duden-Verlag.

    “Mir hat diese weniger stark institutionalisierte Version besser gefallen, zum einen, [...], zum anderen, weil es irgendwie im Hintergrund ablief und keine Ideologie dahinterstand.”

    Mit ähnlichen Argumenten könnte man auch für die Diktatur sein: Da sind die Entscheidungsfindungen auch nicht so transparent wie in einem parlamentarischen System und es gibt nicht so viele Partei-Ideolog/innen, sondern eine/n die/der sagt, wo es lang geht.

    Vertraue dem Volk,! Vertraue der parlamentarischen Demokratie!

  2. Ich dachte mir schon, daß so eine Reaktion kommen würde. Allerdings muß ich Dich darauf hinweisen, daß “keine Ideologie” und “nicht so viele Ideologien” nicht dasselbe sind.

    Den entscheidenden Punkt hast Du ja dann auch weggekürzt. Ich möchte eben überhaupt nicht, daß irgendwer vorschreibt, sondern vielmehr, daß beschrieben wird. Der Duden hat das so mehr oder minder im Vorbeigehen gemacht, der Rechtschreibrat muß sich, wenn ich das richtig überblicke, der KMK gegenüber verantworten und da besteht eben eine viel stärkere Gefahr, daß da jemand in den natürlich verlaufenden Sprachwandel reinpfuscht, weil ja (Achtung, Gassner’s Law) in Deutschland alles irgendwie geregelt werden muß.

    Sprache braucht aber niemanden, der sie von oben herab regelt.

    Ich habe die deutsche Sprache lieber in einem halbwegs demokratisch legitimierten Gremium verhandelt

    Ich habe es lieber, wenn die Sprache überhaupt nicht verhandelt, sondern einfach in Ruhe gelassen wird. Man zeige mir den praktischen Nutzen der Reform – von den Schulbuchverlagen mal abgesehen, die sich vermutlich dumm und dämlich an der Sache verdient haben.

  3. Ich denke, dass wir uns hier unversöhnlich gegenüber stehen. In deinem alten Netztagebuch haben wir die Diskussion ja schon einmal geführt.

    “Ich dachte mir schon, daß so eine Reaktion kommen würde.”
    Vielleicht bestand ja für dich eine (unbewusste) Teilmotivation darin mich als Kommentator wiederzugewinnen.

    Ich kam und ich bleibe!

    Bis Samstag!

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