Auf ein Neues

Ein gesellschaftspolitischer Rundumschlag

Der Spiegelfechter, so war seinem knappen Jahresrückblick zu entnehmen, scheint einigermaßen optimistisch in das erknospende Jahr zu blicken. Das sehe ich momentan noch anders. Ich denke zwar auch, daß es noch nicht zu spät ist, das Allerschlimmste abzuwenden, aber in diesem Jahr – oder allerspätestens im nächsten – sollten wir wirklich mal damit anfangen.

Zum Jahresauftakt dräuen gleich drei Landtagswahlen und wieder einmal soll das Herz des Wählers mit Furcht erfüllt werden, damit er auch ja die richtige Partei wählt. Diesmal brauchen wir keine Angst vor üblen Vorderasiaten mit Bart und Bombengürtel zu haben. Die haben sich vielleicht einfach zu lange nicht mehr hier sehen lassen. Nein, diesmal ist es der eigene Nachwuchs, der uns bedroht. Zum Glück ist die Lösung schnell gefunden: Verfahren verschleppen, Fehler der Politik vertuschen und natürlich das Allheilmittel: Erziehungscamps. (noch traut man sich nicht, von “Lagern” zu sprechen. Alles nur eine Frage der Zeit?)

Es steht außerdem zu befürchten, daß in Karlsruhe demnächst jemand das Grundgesetz verteidigt, der der immer populärer werdenden Meinung anhängt, daß “ein bißchen Folter” doch gar nicht so schlimm ist – wenn es denn der Wahrheitsfindung dient. Daß jemand mit einer solchen mit dem Grundgesetz absolut unvereinbaren Meinung selbiges vertreten soll, läßt nichts Gutes für die Zukunft ahnen. Vor allem wenn man bedenkt, daß die Bundestagsabgeordneten ja mittlerweile dazu übergegangen sind, das Bundesverfassungsgericht als ausgelagertes Gewissen zu nutzen und erst mal allem und jedem zustimmen. Wenn es verfassungswidrig ist, wird es schon im Nachhinein gekippt werden. Aus dieser Einstellung heraus werden seit Beginn des Jahres vorsorglich alle Telekommunikationsdaten aller Bürger gespeichert, verdachtsunabhängig. Bis die Wahrung der Privatsphäre von Gesetzesseite her wieder als Menschenrecht anerkannt wird, muß man sich also leider selbst darum kümmern.

Gleichzeitig wird der allgegenwärtige Krieg gegen den Terror in Jesusland ebenfalls munter weiter zur Einschränkung elementarer Freiheitsrechte benutzt. So berichtet zum Beispiel Steven Grant das folgende:

So California Democrat Jane Harmon decided to show Democrats could also
look out for “national security,” and pushed a bill through the House Of
Representatives (and with a 404-6 vote, it didn’t take much pushing,
which makes me wonder about all the other Democrats in the House) that
will set up a tribunal to determine which Americans are guilty of
“extremist belief.” It’s, pure and simple, a thought crimes bill. It’s
not directed a[t] terrorists, it’s directed at anyone the government
decides it doesn’t like.

Andere Baustelle: Statt Freiheit geht es jetzt ums nackte Überleben. Britannien zieht nach und beschließt ebenfalls neue Atomkraftwerke zu bauen. Man hält es auch wohl nicht länger für nötig, dem Volk irgendwelche Märchen zu erzählen und gibt lieber gleich den Offenbarungseid zu Protokoll: Eine “andauernde Lösung”, wo der Müll gelagert werden soll, sei noch nicht gefunden, sagte [der britische Wirtschaftsminister] Hutton. Nun gut, aber wenigstens ist das Gefahrengut mittlerweile in guten Händen: Privatfirmen sollten dabei sowohl die Kosten des Abrisses und der Entsorgung des radioaktiven Mülls übernehmen. Wie gut Privatfirmen bei der Entsorgung von Müll sind, ist ja bekannt. Fragt die Menschen in Neapel.

Und heute höre ich im Radio, daß die Bundesregierung es für eine gute Idee hält, gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht unbedingt als solche zu kennzeichnen. Klasse Idee!

Wie man sieht, liegt immer noch einiges im Argen und einzelne Lichtblicke wie z.B. die Erweiterung des Schengen-Raumes am 21. Dezember sind rar gesäht. Häufig sind Lichtblicke auch nur Irrlichter. Wie die Lächerlichkeit, die seit letztem Samstag als kleinste Umweltzone der Welt auf der Brackeler Straße in Dortmund ihr Unwesen treibt. Man muß die Cleverness und die Abgebrühtheit der Entscheidungsträger ja eigentlich bewundern. “Wenn an der Meßstation zu viel Feinstaub gemessen wird, dann bauen wir eben eine Umweltzone um die Meßstation herum und schon wird weniger gemessen.” Einfach, aber genial.

In einem hat der Spiegelfechter allerdings recht, in diesem Jahr werden wieder viele Weichen gestellt. Wird die Vorratsdatenspeicherung doch noch gekippt? (bisher fetzt man sich in Karslruhe noch um Zuständigkeiten) Oder wird stattdessen der Musikindustrie der direkte Zugriff auf diese Daten ermöglicht? Wird der hessische Deutsche wieder einmal mit einer ausländerfeindlichen Angstkampagne Erfolg haben? Oder erkennen die Wähler endlich, daß sie nur manipuliert werden? Vielleicht folgen auch weitere Städte dem Vorbild Aachens und schaffen auch das VVersammlungsrecht und einige andere gefährliche Sachen ab. Oder man macht es wie in Bayern zur Regel, unbescholtene Bürger sicherheitshalber erst mal mit dem SEK abzuholen und ohne Erklärung stundenlang zu verhören. Vielleicht bekommen wir also amerikanische Verhältnisse.

Auf der anderen Seite des großen Teiches freut man sich mittlerweile schon auf das nahende Ende der Amtszeit des großen Friedensfürsten (“Wenn dann einmal Geschichte geschrieben wird, so heißt es auf der letzten Seite: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben den Sieg zum Vorteil der ganzen Welt errungen.”). Ob es unter der Frau oder dem Schwarzen (echte Wahlplattformen abseits dieser offensichtlichen Merkmale sind eher Mangelware) sehr viel besser wird, darf bezweifelt werden. Immerhin trägt ihre Partei schon jahrelang nahezu alle Entscheidungen der jetzigen Regierung mit.

Es gibt also auch im neuen Jahr noch viel zu tun, um die Welt zu einem lebenswerten Ort zu machen. Um es in den unsterblichen Worten von Alf (okay, Kästner) zu sagen “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.”

33 thoughts on “Auf ein Neues

  1. Selbst wenn jeder alles in seiner Macht stehende Töte, um wie Welt zu einem besseren Ort zu machen, so bliebe sie immer noch schlecht :!:
    Leibniz kann mich mal.

  2. Obwohl, Virgola, ich denke, dass Du das so nicht sagen kannst.
    Wenn es denn so käme, wer weiß schon, was man dann für einen Zustand verwirklichen könnte.

    Aber wer legt denn heute noch Wert auf die Kategorien “gut” oder “schlecht”? Gehört nicht die Aggression nicht ebenso zum Menschsein wie das friedliche Dahin-Lämmern?

    Mäh… ;-)

  3. <i>Selbst wenn jeder alles in seiner Macht stehende Töte,</i>

    Ich genösse es noch mehr, wenn Dein absonderlich-schöner Konjunktiv nicht mit einem Großbuchstaben begönne.

  4. Selbst wenn jeder alles in seiner Macht stehende Töte, um wie Welt zu einem besseren Ort zu machen, so bliebe sie immer noch schlecht

    Abgesehen davon, daß ich das bezweifle, ist das doch kein Grund, es nicht trotzdem zu tun.

    Leibniz kann mich mal.

    Der mit den 52 Zähnen? Wieso?

  5. Sorry für den Typo mit täääte! Da muß wohl die unterschwellige Aggressivität mit mir durchgegangen sein ;-)

    @kreetrapper:
    Richtig, daß die Welt immer schlechtbleibt ist kein Grund nicht Teile von ihr zu verbessern (zu versuchen).
    Mit Leibnis meinte ich natürlich die beste-aller-möglichen-Welten Theorie.

    @silvanus:
    Ohoo! Ein neuer Forumsname?! ;-) How come?!
    Ich denke, daß die Welt an sich böse konzipiert (sorry, klingt zu sehr nach Agens, ich weiß…) ist, als daß man das Böse ausschalten könnte. Alle Raumtiere umzubringen wäre nicht nur ethisch unvertretbar sondern würde wohl auch das natürliche Gleichgewicht völlig außer Kraft setzen.

  6. Ist keine These, ist die von mir empirisch beobachtete Qualität. Eine Welt, in der es Jäger und Gejagde gibt, hat böses Potential (um es mal ganz vorsichtig auszudrücken). Und das ist ja nun auch nur die Spitze des Eisberges.

  7. Aber Begriffe “gut” und “böse” spielen doch nur noch in alten Moralvorstellungen oder in manchen theologischen Diskussionen eine Rolle, wenn es evtl. um den Begriff der Sünde geht. Aber selbst in der Erziehungswissenschaft spricht keiner mehr über “böse” Kinder beispielsweise. Höchstens um deviantes Verhalten etc. Aber das Normative hat seit den 1970ern stark eingebüßt, was ich als Pädagoge auch sehr begrüße.

  8. Okay – dann formuliere ich es so: Eine Welt, in der es Jäger und Gejagde gibt, ist eine Welt voller Leid. Und wer will da schon leben?

  9. Virgola schrieb Gejagde

    Wenn Du das noch ein drittes mal schreibst, muß ich Dir leider Deinen linguistischen Uni-Abschluß aberkennen.

  10. @Silvanus:
    Willst Du das etwa Befürworten, daß Menschen sich selbst aufschitzen und sich Schmerzen zufügen?
    Meines Erachtens sind diese Leute krank und brauchen Hilfe!

  11. Der Mensch kann nicht nur in einer Gefühlslage leben. Zum Menschsein gehört der Umstand, zwischen Höhen und Tiefen zu leben. Du weißt doch hoffentlich, dass z. B. ewiges Glücklichsein Menschen verblöden lässt… ;-) Andererseits führt eine Dauer-Trauer zur Abstumpfung: Der einst lebendige Mensch wird apathisch (vgl. Jahoda-Studie )

  12. Das wäre natürlich nur ein Aspekt des Menschseins. Daneben gibt es noch zahlreiche andere Aspekte: z. B. dass der Mensch zunächst ein natürliches Wesen aus Fleisch & Blut ist (Biologie), so etwas wie vernunftbegabt ist, prinzipiell über sich reflektieren kann, im Vergleich zu Tieren über ein sehr differenziertes Sprachvermögen verfügt, ein Wesen ist, dass prinzipiell “hoffen” kann, “Sinn” sucht, “Mängelwesen” ist (Gehlen & Co.), etc……

  13. Ich denke, dass grundsätzlich jeder Mensch sinnhineinlegend herumläuft oder prinzipiell die Möglichkeit dazu hat. Ein Frosch würde sich da etwas schwerer tun…

  14. Und noch eine Frage:
    Da Du Dich in den Kategorien “gut” und “böse” (schlechte Welt) bewegst, befindest Du Dich denn nicht auch in der Sinn-Ebene (weil Du doch gemeint hast, nichts mit der Sinn-Suche zu tun zu haben)? Denn was ist schließlich “schlecht” oder “böse”? Demnach hast Du auch nach Sinn gesucht und in dieser Beschreibung des Weltzustands einen (schlechten) Sinn gefunden… oder sehe ich das falsch?
    ;-)

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