Wo ist Walter?

Nachdem hier wochenlang viele wichtige Ereignisse verschlafen wurden, bin ich heute mal brandaktuell. Unsere freundlichen Nachbarn im Süden, der amtierende Fußballweltmeister, Italien hat gestern und heute ein neues Parlament gewählt. Das ist dort nicht ganz so etwas Besonderes wie hierzulande. In den etwas mehr als 60 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben es die Italiener geschafft, etwas mehr als 60 Regierungen zu wählen. Ausführlichere Informationen über das vermutlich suboptimale Wahlsystem dort kann man bei A Fistful of Euros und auf den Election Resources finden. Aber wenn man sich nur diese Zahlen vor Augen führt, ist schon klar, daß da irgendetwas im Argen liegt. Es scheint aber Hoffnung auf Besserung zu geben. Zur diesjährigen Wahl haben die Parteien weitestgehend auf komplizierte Wahlbündnisse verzichtet – daran war ja die Prodi-Regierung gescheitert. Zuviele Köche, die bei der hauchdünnen Mehrheit eben den Brei verdorben haben. Jetzt heißt es also im wesentlichen Berlusconi gegen Veltroni. Beide haben sich ein fetziges Lied gebastelt, an denen man auch schön die Unterschiede der beiden Parteien sehen kann. Meno male che Silvio c’è ist ganz auf Berlusconi zugeschnitten. Und seine Politik wird das, sollte er die Wahl gewinnen (und danach sieht es momentan aus), höchstwahrscheinlich wieder ebenfalls sein.

Veltronis Partito Democratico hat sich ja von Barack Obama seinen Slogan Yes we can ausgeliehen. Si puó fare heißt es dort und der Song I’m PD (zur Musik von YMCA) fokussiert stärker auf die Partei als auf die Person und auf das bessere Italien, das Veltroni anstrebt.

Wenn ich allerdings höre, daß Veltroni eine Modernisierung der italienischen Linken im Stile von Blair oder Schröder vorhat, wird mir ganz anders. Ich verweise hier noch mal ausdrücklich auf das Lied von Marc-Uwe Kling über die SPD, das ich hier schon kommentiert habe. Ähnlich geht es wohl auch Beppe Grillo, der in seinem Blog heftigst die gesamte politische Landschaft Italiens kritisiert. Daraus ist mittlerweile eine richtige Protestbewegung entstanden, die mit dem V-Day (V steht für Vaffanculo) sogar ihren eigenen “Feiertag” hat.

Die Berichterstattung über die Wahl, die seit ca. einer halben Stunde vorbei ist, in den konventionellen Medien (d.h. Fernsehen) läßt übrigens mal wieder zu wünschen übrig. Ich schalte um kurz nach drei die ARD an und höre nur etwas über die Pressekonferenz eines gewissen Herrn Beck, in der er über die Bahnprivatisierung fabulieren will – wie mir scheint ohne bisher auch nur ein Wort mit dem Koalitionspartner darüber gewechselt zu haben. Was immer er also mit seinen Leuten da beschlossen hat, hat wohl (noch) keine besondere Relevanz. Wenigstens auf Phoenix bekam man ein paar Minuten etwas über die italienischen Wahlen zu sehen. Aber auch dort hat man inzwischen zu besagter Pressekonferenz gewechselt. In dem nervigen Lauftext erscheinen aber immerhin ab und zu auch Zahlen zum Wahlergebnis. Aber wohl keine besonders hiebfesten. Ich lese gerade, daß Berlusconis Popolo della Liberta 38,5-45,5 Prozent und Veltronis PD 37 -43 Prozent erreicht haben sollen. Da ist also noch jede Menge Luft für ein überraschendes Ergebnis. Sollte die Berichterstattung sich in nächster Zeit bessern, werde ich diesen Eintrag updaten.

Update 16:42 – Diese Wikiseite scheint mir bisher die ausführlichsten Resultate zu liefern. Leider ist sie auf Italienisch.

Update 22:33 – Inzwischen ist es doch eine klare Angelegenheit geworden. Die endgütigen Ergebnisse lassen vermutlich noch etwas auf sich warten, aber laut der Tagesschau ist Berlusconis “Mitte-Rechts-Bündnis” in beiden Kammern mehr als fünf Prozent vor Veltronis PD. Letzterer hat daher auch bereits seine Niederlage eingestanden. Das ist eine schlechte Nachricht. Vor allem für die armen Italiener (mein Mitleid erstreckt sich allerdings nicht auf diejenigen, die tatsächlich für Berlusconi gestimmt haben). Erfahrungsgemäß macht Berlusconi hauptsächlich Gesetze, die ihm persönlich nützen, und das Gemeinwohl kommt höchstens unter ferner liefen. Mit ein bißchen Glück dauert seine Amtszeit vielleicht italientypisch keine ganze Wahlperiode. Allerdings wird er wohl mit einer recht satten Mehrheit regieren können und hat ja auch beim letzten Mal schon die ganzen fünf Jahre durchgehalten – eine Ausnahme im bewegten italienischen System. Wie gesagt, es sieht nicht gut aus.

One thought on “Wo ist Walter?

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