Amoklauf bald olympisch?

Okay, ich werde es wohl nicht mehr hinbekommen, selbst einen Artikel zum Thema Winnenden zu verfassen, bevor das Thema endgültig der medialen Vergessenheit anheimfällt. Vielleicht ist es das sogar schon. Stattdessen präsentiere ich wenigstens eine Sammlung interessanter und gut geschriebener Artikel zum Thema. Ein wenig im Stile der Hinweise des Tages auf den Nachdenkseiten.

Axel Brüggemann schreibt im Freitag über den großen Einfluß den das Internet mittlerweile auf die Berichterstattung zu solchen Fällen hat: Wenn Nachrichten Amok laufen

Der Spiegelfechter schreibt über die mediale Verantwortung und wieso die Medien seiner Meinung nach zumindest eine Teilschuld an Amokläufen tragen.

Lukas Heinser (bekannt von Coffee & TV) schlägt in die gleiche Kerbe und bloggt beim Freitag über den blutigen Weg in die Unsterblichkeit.

Die erste Reaktion des Innenministers war diesmal nicht die Verdammung der sogenannten Killerspiele. Das hat er sich für den zweiten Satz aufgespart. Im ersten hat er sich gegen eine Verschärfung der Waffengesetze ausgesprochen. In dem verlinkten Artikel finden sich solche Perlen:

“Wir wollen privaten Waffenbesitz nicht gänzlich verbieten”, so Schäuble. “Wir haben ja ganz strenge Begrenzungen.” Und auch die strengsten Vorschriften könnten nicht verhindern, dass dagegen verstoßen werde. Man dürfe nicht glauben, der Grund für das “schreckliche Geschehen” sei privater Waffenbesitz.

Das eigentliche Problem seien vielmehr die Gewaltdarstellungen.

Vermutlich hält Schäuble eine Welt für sicherer, in der Waffen überall und Ego-Shooter nirgendwo legal gekauft werden können. Der gesunde Menschenverstand sieht das ja eher andersherum.

Eben dieser gesunde Menschenverstand ist auch bei der taz aktiv und hat unter anderem zu diesem Artikel geführt. Ein generelles Waffenverbot scheint mir auch am attraktivsten, zumindest aber sollte nicht jeder dahergelaufene Privatmensch sich zu Hause in der Sockenschublade ein Arsenal aufbewahren können.

Noch pointierter findet es sich in diesem Artikel
Aus den Ereignissen in Winnenden lässt sich somit eine schlichte Schlussfolgerung ziehen: Schusswaffen gehören für Privatleute verboten. Punkt.

Hanno schreibt in seinem Blog eine Satire über die Rolle der Medien beim Amoklauf, die teilweise so nah an der Wirklichkeit ist, daß einem schlecht werden könnte.

Bei tagesschau online findet man ein Interview mit einem Lehrervertreter, in dem tatsächlich etwas tiefer nach Gründen gesucht wird und nicht nur schnelle, einfache Antworten zählen.

Wie mir von meiner WOW-spielenden Kollegin berichtet wurde, haben die Computerspieler in ihren Foren die Sekunden gezählt bis der erste “Killerspiele” ins als Ursache ins Gespräch bringt. Lange mußten sie nicht warten (s. den Schäuble-Artikel oben). Eine der wenigen sinnvollen Betrachtungen findet sich in der taz: World of Bullshit. Der erste Satz zeigt, wohin die Reise geht: Wie wäre es, statt der “Computerspiele” mal populistische Studien zu verbieten?. Leider disqualifiziert sich der Autor ein bißchen dadurch, daß er über World of Warcraft schreibt, ohne das Spiel je gesehen zu haben. Immerhin funktioniert die zweite Qualitätskontrolle. Nach einigen Kommentaren, die ihn auf den Fehler hinwiesen, hat er den Artikel korrigiert. (Mittlerweile sehe ich, daß der Artikel schon über 300 Kommentare hat)

tagesschau.de hat eine Reihe von Experten (selbsternannten und tatsächlichen) zum Thema Killerspiele befragt. Hier finden sich auch differenzierte Meinungen.

Ich finde den Artikel nicht mehr, aber irgendwo las ich sinngemäß ungefähr folgendes: Man hat also Shooter, Rap-Musik und Pornos auf dem Computer des Amokläufers gefunden. Viel bedenklicher wäre es aber doch wohl, wenn man diese Dinge nicht bei ihm gefunden hätte. Erst dann wäre er doch offensichtlich anders gewesen als ca. 90 Prozent der Jugendlichen.

Doch auch bei der taz ist nicht alles Eitel Sonnenschein. Auch dort finden sich abstruse Artikel wie dieser, in dem der Autor sich zu solch einer hanebüchenen Folgerung hinreißen läßt:

kein Amokläufer, der “Counter Strike” nicht gespielt hätte. Das Gamen von tödlichen Spielen ist sozusagen ein unverzichtbarer Bestandteil schulischer Amokläufer. (Der Umkehrschluss ist nicht zulässig.) Juristisch gesprochen: Gamen ist ein notwendiges Ingrediens des Giftcocktails, der Schulschützen zu Mördern macht – allerdings kein hinreichendes.

Genau dasselbe könnte man natürlich auch über das Essen von Brot sagen. Oder über den Schulbesuch. Vermutlich ist der Schuld an den Amokläufen. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.

Auch Thomas Knüwer schreibt zwei gute Texte über die Rolle der Medien in solchen Zusammenhängen. Wenn Medien sich über Medien wundern, wundern sich Medien über Medien, Winnenden und der Mörder, der nicht in den Kram passt.

Noch pointierter findet sich das bei Stefan Niggemeier: In Der Kulturkampf gegen das Web 2.0 analysiert er die abstruse Strategie vieler traditioneller Medien, Blogs und Twitter als die bösen Buben darzustellen, wohingegen “richtige Journalisten” sich ja vernünftig und gewissenhaft mit solchen Dingen auseinandersetzen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Auch die Titanic hat wie immer schnell reagiert und bietet für eventuelle Nachahmungstäter ein Amok-Ankündigungsformular an.

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