Die Kopflosigkeit hat ein Ende

So, nach einem langen, rekordverdächtigen Wahltag hat Deutschland nun endlich wieder ein Staatsoberhaupt. Zeit wurd’s. Ich hab mich schon ganz komisch gefühlt so oben ohne. Fast wie ein Belgier. Aber bei denen fehlt ja nur die Regierung.

Geworden ist es, für niemanden überraschend, Christian Wulff, der “Mann ohne Eigenschaften”, wie er oft genannt wird. Da der Bundespräsident ja auch gern als Grüßaugust bezeichnet wird, paßt es eigentlich ganz gut, daß jemand vom Typ Schwiegersohn die Wahl gewonnen hat. Mal sehen wie er sich so in seinem neuen Amt macht.

Ich fand es übrigens erstaunlich zu welch einem Großereignis diese Wahl hochstilisiert worden ist. Mal ganz abgesehen vom von den konventionellen Medien völlig überschätzten Internetengagement für Gauck. Der Hype in Print und Fernsehen war aber schon beachtlich. Mit ARD, ZDF und Phoenix haben gleich drei Sender mehr oder weniger die gesamten neun Stunden live übertragen. Die ARD hat sogar eine Videowand vor den Reichstag gestellt, Public Viewing ist ja gerade im Trend.

Einerseits ist es sicher begrüßenswert, daß auch mal eine politische Veranstaltung solchen Raum im Fernsehprogramm bekommt und nicht immer nur die Fußball-WM. Aber ich frage mich doch sehr, ob man sich hier das richtige Ereignis ausgesucht hat. Richtig interessant sind ja eigentlich nur die Momente, wenn das Ergebnis bekannt gegeben wird. Und ein paar hundert Leuten dabei zuzusehen, wie sie einen Wahlzettel in eine Urne werfen, ist auch nicht gerade abendfüllend. Um es interessanter zu machen, hätte man ja vielleicht noch das Auszählen selbst übertragen können, aber das scheint nicht möglich gewesen zu sein. Heißt das, daß die Auszählung nicht öffentlich ist wie z.B. bei einer Bundestagswahl? Vielleicht weiß es ja einer meiner Leser genauer.

Die Politikjournalisten standen jedenfalls vor dem großen Problem die immer länger werdenden Pausen zwischen den Wahlgängen irgendwie zu füllen. Joachim Löw hat leider nicht pausenlos Pressekonferenzen geben können und so griff man zum altbewährten Mittel des Interviews. Eine ganze Schar von Reportern griff sich jedes Mitglied der Bundesversammlung, das nicht schnell genug weglaufen konnte, und stellte die immer gleichen Fragen. Fragen, die schon seit Wochen um diesen Tag kreisen, und bei denen man die entsprechende Antwort am Parteibuch des Antwortenden ablesen kann, noch bevor er den Mund aufmacht.

Gut war dies natürlich für die Abgeordneten von SPD und Grünen. Sie konnten sich im Erfolg ihres Kandidaten sonnen, der Wulff in einen dritten Wahlgang zwang. Und zugleich konnte man mal wieder schön auf der Linkspartei herumhacken. Die Linke sei nicht kompromißfähig heißt es, weil sie den Kandidaten, den Rot-Grün ihr ohne jegliche Absprache vorgesetzt haben, nicht brav abnickt, sondern sich erdreistet, eine eigene Meinung zu haben.

Weiter heißt es nun, der Linken sei es nicht gelungen, sich von der DDR-Vergangenheit zu lösen. Das altbekannte Totschlagargument, mit dem ja auch schon Rot-Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen erfolgreich verhindert wurde, zieht auch hier. Denn auch wenn die Linke sagt, daß sie einen neoliberalen Konservativen, der den Krieg in Afghanistan nicht so schlimm und den Sozialstaat nicht so richtig super findet, und der Schröders Agenda 2010 für eine gute Idee hält; daß sie also einen solchen Mann nicht wählen kann, ohne sich vom eigenen Parteiprogramm zu distanzieren und einen Großteil ihrer Wähler zu verärgern, dann ist das für SPD und Grüne natürlich nur ein vorgeschobenes Argument. In Wirklichkeit sehnen sich die Abgeordneten der Linkspartei alle nach der guten alten DDR zurück.

Gegen Ende haben sogar eigentlich intelligente Menschen wie Thomas Knüwer, Julia Seeliger oder Sven Giegold über Twitter verlauten lassen, daß Wulff nur wegen der Linken zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Daß er im letzten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen bekommen hat, scheint ihnen entgangen zu sein. Es war klar, daß die “Abweichler” von Union und FDP im wesentlichen ihren Parteioberen einen Denkzettel verpassen wollten. Wenn sie Gauck tatsächlich für die bessere Wahl gehalten hätten, hätte es ja keinen Grund gegeben, im dritten Wahlgang plötzlich anders zu stimmen

Was haben wir also heute gelernt? Solange sowohl SPD als auch die Grünen mit einer solchen Arroganz auftreten, rückt eine rot-rot-grüne Verständigung immer weiter in die Ferne. Vielleicht sollte man in diesen Parteien noch mal das Wort Kompromiß im Wörterbuch nachschlagen. Früher bedeutete das mal, daß sich beide Seiten bewegen.

The Silence of the Vuvuzelas

Na, fehlt Euch nicht auch was?

Um die akustische Leere in Eurem Leben zu füllen, gibt es zum Glück ein ganz einfaches Mittel. Einfach beim Surfen alle Webseiten durch diesen schmucken Vuvuzela-Filter anschauen. Auch denjenigen, denen ein einfaches Trööt zu proletarisch ist, kann mittlerweile geholfen werden. Sowohl Coffee and TV (renommiertes Popkulturblog) als auch die Zeit (renommierte Wochenzeitung) zeigen, was man mit diesem unterschätzten Musikinstrument so alles anstellen kann, wenn man nur will. Viel Spaß!

Was uns motiviert

Ein sehr interessanter Vortrag. Er hat nicht nur ein spannendes Thema: “Was motiviert uns?”, sondern ist auch noch auf der formalen Ebene sehr interessant, da wir nicht den Sprecher oder die x-te Powerpoint-Präsentation sehen, sondern ein Zeichner das Gesagte im Comic-Stil illustriert.
(via @timpritlove)

Rasende Rezis – Die Rückkehr

Ein treuer Leser hat mich vor einigen Wochen offline darauf angesprochen wie sehr er die rasenden Rezis vermißt. Nun, wie Ihr ja alle wißt, wird Leserzufriedenheit bei den Gedankenblasen groß geschrieben (ist ja auch ein Nomen) und daher habe ich ein paar Worte zu einer Handvoll Filme und Comics verfaßt, die ich in den letzten Wochen (de fakto: in den Wochen vor der WM) konsumiert habe. Viel Vergnügen.

Iron Man 2

Ich fand ja damals, daß “Iron Man” der bis dahin beste Superheldenfilm war. Auch besser als “The Dark Knight”. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die Fortsetzung und um es kurz zu machen (sind ja “rasende” Rezis): diese Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht. Der Film lebt – wie auch der erste – von den guten schauspielerischen Leistungen. Robert Downey Jr. ist Tony Stark auf den Leib geschrieben. Und diesmal ist auch die Gegenseite perfekt besetzt. Das Duo Sam Rockwell als Justin Hammer und Mickey Rourke als Whiplash hat eine ganze Reihe hervorragender Szenen. Zudem hat Iron Man 2, mehr noch als der Vorgänger, für mich perfekt den Kern des Charakters Iron Man eingefangen. Es geht darum, optimistisch in die Zukunft zu blicken. In den Comics wird Tony Stark immer gern als Futurist bezeichnet und Downeys Tony Stark sieht man sehr schön an, daß er es (ganz wie Wil Wheaton es immer wieder sagt) liebt in der Zukunft zu leben. Ich bin ja relativ leicht zu begeistern und als ich aus dem Film kam wollte ich am liebsten auch direkt eine Karriere als Erfinder einschlagen. Sieht aus als macht das einen Heidenspaß.

Die 4. Revolution – Energy Autonomy

Eine gute Zusammenfassung des Themas “neue Energien”. Besonders empfehlenswert als Einstieg für Leute, die sich bisher nicht so richtig mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Mir kam hier sehr viel bekannt vor. Aber das spricht nicht per se gegen den Film, ich bin eben nur nicht das Zielpublikum. Der Film ist jedenfalls durchaus relevant, was der relativ umfangreiche Wikipedia-Artikel beweist. Ich habe jedenfalls mitgenommen, daß Elon Musk, einer der größten Investoren bei Tesla Motors, der nebenbei auch noch bei der Raumfahrtfirma SpaceX mitmischt un früher PayPal mitbegründet hat, eine echt coole Sau ist. Kein Tony Stark, aber von allen echten Menschen, die ich kenne, definitiv am nächsten dran.

Kung Fu Panda

Eine originelle Idee mit leider wenig origineller Ausführung. Wer mit Disney-Filmen aufgewachsen ist, kann hier fast alle wichtigen Plotelemente vorhersagen.

8 Blickwinkel

Ebenfalls eine eigentlich originelle Idee und ebenfalls bestenfalls mittelmäßig ausgeführt. Schade eigentlich.

Ralf König – Archetyp

Ralf König, wahrscheinlich der bestverkaufte Comic-Zeichner Deutschlands, hat das Thema Religion für sich entdeckt. Dieser Band sammelt Arbeiten, die ursprünglich in der FAZ erschienen, und König erzählt hier die Geschichte Noahs nach. Komplett mit Gotteserscheinung und Arche, aber natürlich mit einem kleinen Twist. Noah ist nicht der letzte rechtschaffene Mensch auf Erden, sondern ein fundamentalistischer Fanatiker, der Gott ständig damit in den Ohren liegt, er solle doch endlich die Menschheit auslöschen. Sehr unterhaltsam.

Jeff Parker / Steve Lieber – Underground

Jeff Parker schreibt eine Reihe schöner Titel für Marvel. Steve Lieber war mitverantwortlich für das hervorragende Whiteout. Dies ist also letztlich ein Comic, bei dem man als Leser gar nicht viel falsch machen kann. Es ist eine Abenteuergeschichte, die größtenteils in einer Höhle spielt (eben “Underground”). Der Plot ist ganz nett, die Charaktere sind sehr gut geschrieben, aber der Star sind ganz klar die Zeichnungen, die die Atmosphäre und das Besondere des Settings sehr schön einfangen. Bei CBR gibt es mehrere Preview-Seiten (Heft 1, Sammelband), mit denen Ihr selbst einen Eindruck gewinnen könnt.

Die Welt zu Gast bei Imkern

Die erste Hälfte des ersten Spieltags der ersten Fußball-WM auf dem afrikanischen Kontinent ist erstmal vorbei. Und die Zeit, wo ich alle Spiele komplett ansehen kann, ist wohl auch vorbei. Ach die seligen Zeiten der letzten WM als ich noch arbeitslos war…

Jedenfalls ist jetzt Zeit für ein kurzes Zwischenfazit. Und so wenig ich es auch erwartet hätte, tatsächlich ist die deutsche Mannschaft bisher die einzige, die eine wirklich überzeugende Vorstellung abgeliefert hat. Da man vor dem Halbfinale nur auf Mannschaften aus den ersten vier Gruppen treffen kann, sollte das Erreichen desselben auf dem Papier eigentlich gar kein Problem sein. Aber im Fußball ist ja alles möglich. Ein Thema bei der WM scheint übrigens “peinliche Torwartfehler” zu sein. Wil Wheaton hat dazu schönes Anschauungsmaterial gepostet.

Den Titel dieses Beitrags habe ich gestern oder vorgestern auf Twitter herumschwirren sehen. Leider weiß ich nicht mehr von wem er stammt. Aber er faßt schön die ganz eigene afrikanische Stimmung zusammen. Ich muß ja sagen, daß mir die Vuvuzelas nicht annähernd so auf den Sack gehen wie scheinbar allen anderen. Auf Twitter machen schon technische Lösungen die Runde. Aber irgendwie ist das doch Teil des kulturellen Gesamteindrucks dieser WM. Mich stört das nicht. Wenn die Vuvuzela direkt neben mir geblasen würde, sähe das allerdings ganz anders aus. Ich weiß das so genau, weil selbst hier auffem Dorf ein paar Deppen mit den Dingern rumlaufen. Das muß nun wirklich nicht sein.