Eurovision 2008

Letzten Samstag war es wieder so weit: Das Fernseh-Highlight des Jahres – und vielleicht bald der einzige Grund, überhaupt noch einen Fernseher zu haben – der Grand Prix. Ja, ich weiß, es heißt inzwischen Eurovision Song Contest, aber zur großen Verwunderung der Anglizismenjäger vom vds scheint sich diese neue Bezeichnung nicht durchzusetzen. Soll mir nur recht sein. Die Konnotation “große alberne Spaßveranstaltung” klappt bei mir jedenfalls auch besser mit “Grand Prix”, also bleibe ich auch dabei.

In schöner Tradition habe ich den ESC mit meinen Veganer-Freunden angeschaut und wie eigentlich immer hatten wir jede Menge Spaß dabei. Es gab viel zu lachen, man konnte sich über einige der “Darbietungen” wunderbar aufregen, und es war sogar das eine oder andere wirklich ansehnliche Lied (entschuldigt die Synästhesie) mit dabei. Bevor ich zu meinen Lieblingsbeiträgen komme, aber noch einige allgemeine Worte.

Wie so oft sagt Paul O’Brien es viel besser als ich es könnte, aber ich möchte seinen wichtigsten Punkt hier noch einmal kurz wiederholen. Das Problem, das der Grand Prix momentan hat, sind die vielen neuen Teilnehmerländer. Keine Sorge, ich möchte nicht auf die vielzitierte Ostblockmafia hinaus. Aber seit einiger Zeit ist es so, daß sich die Teilnehmer grob in zwei Gruppen einteilen lassen: diejenigen, die das ganze als reine Spaßveranstaltung sehen und versuchen sich mit möglichst abstrusen Beiträgen zu übertreffen, und diejenigen, die den Wettbewerb als Musikveranstaltung ernst nehmen und ihr bestes geben, um zu gewinnen. Um mal kurz Paul zu zitieren, der über den türkischen Beitrag folgendes sagt:

According to Wikipedia, these guys have been around for twelve years, and they’re very big in Turkey. Heaven only knows what they’re doing in Eurovision, but I approve of any country entering a band they actually like. Perhaps we should try it some time.

Und auch wir haben beim Schauen sofort gesagt “Hey, die haben aus Versehen echte Musiker geschickt.”

Leider fallen viele der neuen Teilnehmer aus Osteuropa in die zweite Kategorie und das hat zwei Folgen: Viele von ihnen schicken belanglosen Pop ins Rennen und viele von ihnen stimmen auch für belanglosen Pop, exemplifiziert durch die Top 3 dieses Jahres. Deutschland wollte eigentlich auch belanglosen Pop schicken, hat aber aus Versehen belanglosen schlechten Pop geschickt und ist deshalb nicht wirklich unverdient auf dem letzten Platz gelandet, gemeinsam mit Polen (deren Beitrag so belanglos war, daß ich ihn schon wieder vergessen habe) und dem Vereinigten Königreich (dessen Beitrag diesmal eigentlich ganz okay war). Den Sieg haben sich die Russen mit einer – wie Stefan Niggemeier so schön formuliert – wahren Materialschlacht erkauft. Die taz zählt es noch einmal auf: Ein Superstar-Sänger, ein Stargeiger mit Stradivari, ein Olympiasieger im Eiskunstlauf und das ganze Lied noch schön vom Starproduzenten Timbaland abmischen lassen. Da konnte nicht mehr viel schieflaufen und so war der Sieg auch entsprechend souverän. Rußland scheint einen Lauf zu haben, nach dem UEFA-Cup und der Eishockey-WM ist dies schon der dritte internationale Erfolg innerhalb weniger Wochen. Wettete ich auf den Ausgang der Fußball-EM, setzte ich mein Geld auf die Russen – ob es nun am Können liegt, am vielzitierten Momentum oder ob Väterchen Putin hinter den Kulissen den einen oder anderen Geldkoffer unbeaufsichtigt gelassen hat, die Russen scheinen zur Zeit nur schwer zu stoppen zu sein.

Wie jedes Jahr hatte der Veranstalter auch dieses Mal vor dem Beginn an alle Teilnehmer ein geheimes Motto ausgegeben, das in die Performance mit eingebaut werden mußte. Mottos vergangener Jahre waren z.B. “Trommeln” oder “Tücher”. Diesmal hat man den Teilnehmern die Wahl gelassen, wie genau sie das doch sehr freie Motto “künstliche Menschen” interpretieren. Letztlich haben sich aber zwei Interpretationen durchgesetzt. Zum einen künstliche Frauen – oftmals konnte man den Menschen unter all dem Silikon gar nicht mehr erkennen. Sieger in dieser Kategorie ist mit Sicherheit die schwedische Sängerin, deren Alien-Gesicht mich bis in meine Alpträume verfolgt hat. Die zweite Interpretation, der Robotertanz, war nicht so beliebt, hat es aber bei den Spaniern immerhin sogar bis in den Text des Liedes (“Tres, el robocop”) geschafft.

Seit einiger Zeit hat der Grand Prix so viele Teilnehmer, daß man sich erst einmal in einem von zwei Halbfinals für die große Show qualifizieren muß (außer man ist Gast- oder Geldgeber – diesen fünf bleibt die Qualifikation erspart). Das ist kaum anders machbar – auch mit 25 Teilnehmern dauert der ganze Spaß schon locker drei Stunden – hat aber den Nachteil, daß man entweder nicht alle Lieder zu sehen bekommt (wenn man die Halbfinals ausläßt – so haben wir es gemacht) oder fast alle Lieder doppelt sehen muß (und dann ist das Finale nichts besonderes mehr, weil man fast alles schon kennt). Dies ist ein echtes Dilemma, aus dem ich auch keinen rechten Ausweg weiß, das mich aber in diesem Jahr zum Beispiel um den verrückten irischen Truthahn gebracht hat.

Egal, jetzt zu meinen Favoriten.

Kroatien

Hatten mit Abstand den größten Lacherfolg auf ihrer Seite, weil sie unter anderem mit einem 75-jährigen Rapper antraten: Sein Name “75 Cents”. Auch jetzt könnte ich noch stundenlang über diesen billigen Witz lachen. Aber davon abgesehen war der kroatische Beitrag musikalisch interessant und die Show wirkte rund und individuell und verbreitete – ebenso wie die Musik – ein angenehm mediterranes Flair. Italien ist ja scheinbar zu feige, beim Grand Prix anzutreten, und da haben sich die Kroaten wohl gedacht, jemand muß für sie in die Bresche bringen.

Bosnien & Herzegovina

Zuerst auffällig wegen der abgedrehten Show. Der Sänger springt zu Beginn aus einem Wäschekorb. Seine Partnerin trägt ein Apfelkleid mit (teilweise) echten Äpfeln. Und im Hintergrund wippen strickende Bräute im Takt. Aber je häufiger ich es höre, desto besser gefällt mir auch das Lied an sich. Vermutlich der beste Beitrag dieses Jahr.

Frankreich

Frankreich hat mit Sébastien Tellier einen ernsthaften Musiker geschickt, der dennoch eine ziemlich alberne Show abliefert – im Hintergrund diesmal eine Reihe bärtiger Ladies und der Künstler be”tritt” die Bühne in einem Golfwagen. Ich war nachgerade schockiert, daß Frankreich tatsächlich mit einem englischsprachigen Lied antritt. Und das Lied ist auch nicht übel, aber nicht so richtig Eurovision, weil man es eben auch im Radio hören könnte, ohne daß es groß auffiele.

Spanien

Spanien hat diesmal einen Komiker geschickt – ähnlich wie Deutschland damals mit Stefan Raab. Die Kunstfigur Rodolfo Chikilicuatre trat mit einer Art Macarena-Satire an. Textprobe: Y el Chiki Chiki se baila así / Uno: el brikindans / Dos: el crusaíto / Tres: el Maiquelyason / Cuatro: el Robocop
(Und so tanzt man den Chiki Chiki / Eins: der Breakdance / Zwei: gekreuzte Beine / Drei: der Michael Jackson / Vier: der Robocop)

Aserbaidschan

Die Neulinge aus Asien zeigen gleich mit ihrem Debüt, daß die das Konzept Eurovision verstanden haben. Sie verbinden einen relativ durchschnittlichen Song mit einer abgefahrenen Show voll mit Engeln und Teufeln und dem guten, alten Kostümtrick. Dafür wurden sie völlig zu recht mit einem Platz unter den Top Ten belohnt.

Die Türkei

Wie ich oben schon schrieb sind die Türken wieder einmal mit echten Musikern angetreten, genauer mit der in der Türkei sehr erfolgreichen Rockband Mor ve Ötesi. Entsprechend ist das Lied auch recht gut und rockig, aber eigentlich kein Grand-Prix-Material. Umso mehr hat mich der siebte Platz überrascht, den sie damit eingefahren haben. Wie schon mit Athena im Jahr 2004 zeigen die Türken einmal mehr, daß sie Eurovision nicht verstanden haben, da ihr Beitrag weder besonders abgedreht ist, noch viel mit dem generischen Weichspülpop der meisten anderen Länder gemeinsam hat. Aber dafür zeigt der Beitrag auch, daß man sich vielleicht mal etwas intensiver mit der türkischen Musik-Szene beschäftigen sollte.

Links zum Thema:

To boldly go…

Die Chance für alle, die sich ihre Berufswünsche aus der Kindheit bewahrt haben: Die ESA sucht “die nächste Generation europäischer Astronauten”.

Auf dieser Seite kann man nachlesen, welche Stellen dort noch zu besetzen sind und sich für den Job-Newsletter anmelden. Und hier geht es direkt zu den Stellenanzeigen.

Viel Erfolg und winkt mir aus dem Orbit zu, wenn Ihr es schafft.

Italien möchte sich abschotten

Die neue italienische Regierung ist noch keinen Monat im Amt und schon kommen die ersten unguten Ideen.

Offenbar denkt man dort darüber nach, das Schengener Abkommen auszusetzen oder – noch schlimmer – die Freizügigkeit nur für bestimmte Personengruppen gelten zu lassen.  Das ist natürlich ganz üble Diskriminierung (in diesem Fall sind wohl Roma das intendierte Ziel), die ja mittlerweile auch in Deutschland wieder salonfähig geworden zu sein scheint. Auch hierzulande wird beim Ehegattennachzug zwischen guten und schlechten Ausländern unterschieden.

Hüben wie drüben ist das so ungerecht wie ungerechtfertigt und man kann nur hoffen, daß Berlusconis europäische Kollegen ihn und seine Minister davon abhalten werden. So einen Präzedenzfall für die Abschaffung (oder wenigstens massive Abänderung) eines elementaren EU-Grundrechts darf es nicht geben. Wehret den Anfängen.

Wo ist Walter?

Nachdem hier wochenlang viele wichtige Ereignisse verschlafen wurden, bin ich heute mal brandaktuell. Unsere freundlichen Nachbarn im Süden, der amtierende Fußballweltmeister, Italien hat gestern und heute ein neues Parlament gewählt. Das ist dort nicht ganz so etwas Besonderes wie hierzulande. In den etwas mehr als 60 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben es die Italiener geschafft, etwas mehr als 60 Regierungen zu wählen. Ausführlichere Informationen über das vermutlich suboptimale Wahlsystem dort kann man bei A Fistful of Euros und auf den Election Resources finden. Aber wenn man sich nur diese Zahlen vor Augen führt, ist schon klar, daß da irgendetwas im Argen liegt. Es scheint aber Hoffnung auf Besserung zu geben. Zur diesjährigen Wahl haben die Parteien weitestgehend auf komplizierte Wahlbündnisse verzichtet – daran war ja die Prodi-Regierung gescheitert. Zuviele Köche, die bei der hauchdünnen Mehrheit eben den Brei verdorben haben. Jetzt heißt es also im wesentlichen Berlusconi gegen Veltroni. Beide haben sich ein fetziges Lied gebastelt, an denen man auch schön die Unterschiede der beiden Parteien sehen kann. Meno male che Silvio c’è ist ganz auf Berlusconi zugeschnitten. Und seine Politik wird das, sollte er die Wahl gewinnen (und danach sieht es momentan aus), höchstwahrscheinlich wieder ebenfalls sein.

Veltronis Partito Democratico hat sich ja von Barack Obama seinen Slogan Yes we can ausgeliehen. Si puó fare heißt es dort und der Song I’m PD (zur Musik von YMCA) fokussiert stärker auf die Partei als auf die Person und auf das bessere Italien, das Veltroni anstrebt.

Wenn ich allerdings höre, daß Veltroni eine Modernisierung der italienischen Linken im Stile von Blair oder Schröder vorhat, wird mir ganz anders. Ich verweise hier noch mal ausdrücklich auf das Lied von Marc-Uwe Kling über die SPD, das ich hier schon kommentiert habe. Ähnlich geht es wohl auch Beppe Grillo, der in seinem Blog heftigst die gesamte politische Landschaft Italiens kritisiert. Daraus ist mittlerweile eine richtige Protestbewegung entstanden, die mit dem V-Day (V steht für Vaffanculo) sogar ihren eigenen “Feiertag” hat.

Die Berichterstattung über die Wahl, die seit ca. einer halben Stunde vorbei ist, in den konventionellen Medien (d.h. Fernsehen) läßt übrigens mal wieder zu wünschen übrig. Ich schalte um kurz nach drei die ARD an und höre nur etwas über die Pressekonferenz eines gewissen Herrn Beck, in der er über die Bahnprivatisierung fabulieren will – wie mir scheint ohne bisher auch nur ein Wort mit dem Koalitionspartner darüber gewechselt zu haben. Was immer er also mit seinen Leuten da beschlossen hat, hat wohl (noch) keine besondere Relevanz. Wenigstens auf Phoenix bekam man ein paar Minuten etwas über die italienischen Wahlen zu sehen. Aber auch dort hat man inzwischen zu besagter Pressekonferenz gewechselt. In dem nervigen Lauftext erscheinen aber immerhin ab und zu auch Zahlen zum Wahlergebnis. Aber wohl keine besonders hiebfesten. Ich lese gerade, daß Berlusconis Popolo della Liberta 38,5-45,5 Prozent und Veltronis PD 37 -43 Prozent erreicht haben sollen. Da ist also noch jede Menge Luft für ein überraschendes Ergebnis. Sollte die Berichterstattung sich in nächster Zeit bessern, werde ich diesen Eintrag updaten.

Update 16:42 – Diese Wikiseite scheint mir bisher die ausführlichsten Resultate zu liefern. Leider ist sie auf Italienisch.

Update 22:33 – Inzwischen ist es doch eine klare Angelegenheit geworden. Die endgütigen Ergebnisse lassen vermutlich noch etwas auf sich warten, aber laut der Tagesschau ist Berlusconis “Mitte-Rechts-Bündnis” in beiden Kammern mehr als fünf Prozent vor Veltronis PD. Letzterer hat daher auch bereits seine Niederlage eingestanden. Das ist eine schlechte Nachricht. Vor allem für die armen Italiener (mein Mitleid erstreckt sich allerdings nicht auf diejenigen, die tatsächlich für Berlusconi gestimmt haben). Erfahrungsgemäß macht Berlusconi hauptsächlich Gesetze, die ihm persönlich nützen, und das Gemeinwohl kommt höchstens unter ferner liefen. Mit ein bißchen Glück dauert seine Amtszeit vielleicht italientypisch keine ganze Wahlperiode. Allerdings wird er wohl mit einer recht satten Mehrheit regieren können und hat ja auch beim letzten Mal schon die ganzen fünf Jahre durchgehalten – eine Ausnahme im bewegten italienischen System. Wie gesagt, es sieht nicht gut aus.

Europa – Für die Briten das neue Deutschland

Gordon Brown hält ein Referendum über den neuen EU-Grundlagenvertrag (der keine Verfassung ist. Ehrenwort!) für unnötig. Das ist zwar einerseits Augenwischerei (denn so anders als die zu Grabe getragene Verfassung ist der neue Vertrag nicht (ein Kritiker sucht hier vergeblich nach Unterschieden)), andererseits erhöht das aber die Chance, daß dieser Gesetzestext es schafft, unbeschadet in Kraft zu treten. Ich bin dahingehend ja durchaus parteiisch, weil ich mir aus ganzem Herzen eine vernünftig funktionierende EU wünsche, in der ein vereinzelter Quertreiber nicht ständig alles blockieren kann.

Allerdings kann ich es durchaus verstehen, wenn ein Brite sich nicht derart dreist von seiner Regierung belügen lassen möchte und trotzdem ein Referendum fordert. Mir völlig unverständlich ist allerdings mal wieder wie die Yellow Press damit umgeht. Ich zitiere den EU-Observer

British daily tabloid The Sun on Monday (24 September) qualified the so-called reform treaty as “the greatest threat to our [the British] nation since World War Two”

Es ist geradezu skandalös wie hier die bildungsfernen Schichten mit aller Macht gegen die EU aufgebracht werden sollen. Ich glaube kaum, daß Brüssel vorhat in nächster Zeit Bomben über London abzuwerfen. Und die Briten haben ja sogar wieder ein paar Extrawürste für sich durchgeboxt. (z.B. daß die Grundrechtecharta bei ihnen nicht gelten wird. Super-Idee!) Solange diese Panikmache nicht aufhört, wird es der europäische Gedanke weiterhin schwer haben und das ist mehr als schade. Vielleicht sollte man allzu eifrigen EU-Gegnern doch per Referendum die Chance dazu geben, wieder auszutreten. Die Briten fühlen sich möglicherweise als 51. 52. (wieder den Irak vergessen) Bundesstaat der USA wohler als als EU-Mitglied. Oder vielleicht möchten die Polen lieber allein mit Mütterchen Rußland über den Gaspreis verhandeln. Und die Österreicher freuen sich bestimmt auch riesig, wenn sie bald wieder an jeder Grenze ihren Paß vorzeigen müssen. Ja, bitte, laßt sie ruhig aus der Union austreten. Ich schlage außerdem vor, daß sich der Mitgliedsbeitrag bei Wiederaufnahme verdoppelt. Denn ständiges Raus und Rein wollen wir ja auch nicht.

Land of my high endeavour

Offenbar haben eine nicht unerhebliche Zahl von Schotten es immer noch nicht aufgegeben, nach Unabhängigkeit von der verhaßten englischen Krone zu streben, wie dieser Artikel im EU Observer zeigt (der Artikel wird vermutlich bald hinter der Bezahl-Barriere verschwinden). Dort heißt es unter anderem:

SNP leader Alex Salmond tabled a paper in Edinburgh on what he called a “new chapter in Scottish politics.”

He called for a “national conversation” towards a referendum that would offer either the political status quo, more powers for Scottish parliament or complete independence.

Meiner Meinung nach ist das der völlig falsche Weg. Und wenn dem Erfolg beschieden ist, wird das, so heißt es auch in dem EU-Observer-Artikel, höchstwahrscheinlich den separatistischen Bewegungen in Katalonien, im Baskenland und wer weiß wo noch alles, weiteren Auftrieb geben.

Abgesehen von dem Riesenaufwand, den so eine Unabhängigkeit nach sich zöge (Schottland müßte vermutlich um erneuten Beitritt zur EU verhandeln – und das kann dauern – und höchstwahrscheinlich auch – wie alle neuen Mitglieder – den Euro einführen (das fände ich natürlich schön)) , liefe dies auch dem momentanen post-nationalistischen Trend in Europa entgegen. Dieser Trend ist zwar in den letzten Jahren etwas ins Wanken geraten, was sich im Erstarken nationalistischer oder regionalistischer Parteien wie z.B. der belgischen Vlaams Belang oder der französischen Front National und ähnlicher ausdrückt. Aber allein die immer noch globalisierend Amok laufende Marktwirtschaft wird dem weitestgehend entgegen wirken – und so zumindest eine gute Auswirkung haben.

Tatsache ist, daß die EU mehr und mehr Kompetenzen an sich zieht, und durch die Freizügigkeit für Personen, Waren und Dienstleistungen wird es immer unwichtiger und unerheblicher, in welchem staatlichen Gebilde innerhalb der EU-Grenzen man sich gerade befindet. Da Schottland schon ein Regionalparlament hat, das viele regionale Politikfelder (mit)bestimmt und viele der überregionalen Angelegenheiten mehr und mehr in die Zuständigkeit der EU fallen, wird der Anteil der schottischen Politik, der von London aus gemacht wird, sowieso in den nächsten Jahren noch weiter schrumpfen und eine schottische Unabhängigkeit so noch unnötiger als sie ohnehin schon ist. In vielen Belangen ist Schottland ja außerdem eh schon mehr ein Land als eine Region. Immerhin dürfen sie eine eigene Mannschaft zu Fußballweltmeisterschaften schicken. Bayern darf das nicht.

Europas Babyschritte

So, wieder einmal ist ein EU-Gipfel erfolgreich abgeschlossen worden und damit auch beinahe gleichzeitig die deutsche Ratspräsidentschaft. Wobei, vielleicht sollte man doch langsam anfangen, hierbei eher von “Krisensitzungen” statt von “Gipfeln” zu reden. Denn die vielbeschworene Krise der EU ist trotz allem Jubel um die große Diplomatin und das Wunderkind schlechthin, Angela Merkel, noch nicht umschifft.

Ähnlich wie beim ebenfalls als “großen Erfolg” gefeierten G8-Gipfel vor einigen Wochen, wurde auch in Brüssel nicht wirklich etwas beschlossen – auch wenn das zähe Gerangel und all das Hauen und Stechen diesen Eindruck erwecken. Nein, auch hier hat man letztlich nur eine gemeinsame Absicht zusammengezimmert. Und man hat ja bei der Verfassung gesehen, wieviel man auf so etwas geben kann.

Inzwischen ist selbst dem trotz Jobwechsels nach wie vor grinsenden Tony Blair entfallen, warum er den Verfassungsvertrag damals eigentlich unterzeichnet hat, und so hat er die Gelegenheit genutzt, um noch ein bißchen weiterzuverhandeln. Ja, okay, man hatte sich bereits damals auf einen fairen Kompromiß geeinigt, aber vielleicht geht es ja doch noch ein bißchen fairer. Das Ergebnis ist, daß wir zwar nun eine europaweite Grundrechtecharta haben, auf die sich jeder Europäer im Zweifelsfall berufen kann – etwas das im Angesicht der Pläne des hiesigen Innenministeriums vielleicht schon früher nötig sein wird, als uns allen lieb ist. Aber das gilt leider nur, wenn man nicht zufällig das Pech hat, britischer Staatsbürger zu sein. Denen gönnt ihr nun schon fast eine Woche in der Vergangenheit liegender Premierminister nämlich diesen Luxus nicht. Warum, das bleibt sein Geheimnis. Vielleicht liegt es daran, daß man hier schon viel weiter auf dem Weg in Richtung eines Anti-Terror-Staates nach US-amerikanischem Vorbild vorangeschritten ist. Oder es ist doch nur wieder die Gefahr, daß der gefährliche französische Sozialismus damit einen Fuß in der britischen Tür hätte.

Besonders peinlich war allerdings mal wieder das Auftreten der polnischen Kaczyński-Zwillinge, die zwischenzeitlich sogar ganz knapp an Godwin vorbeigeschrammt sind, als sie in den Tagen vor dem Gipfel ernsthaft vorgeschlagen haben, man müsse doch bei der Stimmengewichtung auch die ganzen polnischen Kriegstoten bedenken. Und die Farce setzte sich auch in Brüssel selbst fort: Als der angereiste Zwilling gerade bereit war auf einen Kompromiß einzugehen, fuhr ihm sein daheimgebliebener Bruder in die Parade und stellte fest, daß dieser Kompromiß ihm dann doch nicht gut genug sei. Ob diser Dreistigkeit mußte sich selbst die sonst so sanftmütige, geborene Diplomatin und Miss World Angela Merkel für einen Moment vergessen und den Polen ein trotziges “Dann beschließen wir das eben ohne Euch” entgegenschleudern, so daß diesmal ihre Kollegen die Diplomatie übernehmen mußten. “Ganz ruhig, Joe…äh Angie, wir reden noch mal mit denen.”

Das stundenlange Geschacher der Polen, der Briten, aber wohl auch einiger anderer Anwesender, scheint diesmal besonders entwürdigend gewesen zu sein und hat Romano Prodi dazu veranlaßt folgendes zu sagen: “As a European, allow me to be embittered for the spectacle I find before me.”

Und so kam am Ende wieder einer dieser typischen EU-Kompromisse bei der Sache heraus. (Hier findet man eine gute Zusammenfassung des neuen Vertrages) Das ist doppelt schade. Zum einen, weil ja die alte Verfassung selbst schon ein zäh errungener Kompromiß war, dem – wohlgemerkt – damals alle Regierungschefs zugestimmt hatten. Wenn man jetzt alles jederzeit immer wieder neu verhandelt, wird der integrative Fortschritt in der EU wohl in Zukunft noch langsamer voranschreiten. Zum anderen ist es relativ schade, um die vielbeschworene Quadratwurzelformel, für die man in unserem östlichen Nachbarland sogar bis in den Tod gehen wollte. Diese ist übrigens von Bochumer Mathematikern entwickelt worden und ist nachgewiesenermaßen deutlich demokratischer als sowohl die alte als auch die neue Regelung (aber natürlich immer noch weniger demokratisch als ein endlich tatsächlich legislativ wirkendes EU-Parlament).

Der neue Grundlagenvertrag ist übrigens, wie allerorten stolz verkündet wird, zu 95% mit der alten Verfassung identisch, viele der Neuerungen sind kosmetischer Natur (der EU-Außenminister darf jetzt nicht mehr so heißen) oder kleinliche Opt-Out-Rosinenpickerei. Das freut zwar einerseits die Befürworter eben jener Verfassung, ist aber letztendlich ein Schlag ins Gesicht für die Bürger Frankreichs und der Niederlande, die ja die Verfassung mehrheitlich abgelehnt haben und sie nun durch die Hintertür doch noch bekommen. Dies und auch die unnötige Verkomplizierung des ganzen durch die Neuerungen (z.B. ist die Grundrechtecharta jetzt nicht mehr Teil des neuen Vertrages, sondern wird nur noch von dort referenziert – damit hält der Hyperlink endlich auch Einzug ins Gesetzeswerk der EU) ist leider genau gegenläufig zu der Transparenz und Bürgernähe, die sich die EU in ihrer Denkpause auf die Fahnen geschrieben hatte. Das wird nicht zu ihrer Beliebtheit beitragen und so wird es die grundsätzlich gute Idee der europäischen Einigung auch in Zukunft sehr schwer haben.