Amazon zeigt, wie man es nicht macht

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Am Freitag waren plötzlich eine ganze Reihe von Büchern aus dem Angebot von amazon.com verschwunden. Hintergrund waren eskalierte Verhandlungen mit einer Verlagsgruppe. Bei Amazon hat man wohl gedacht, wenn man so einen Stunt an einem Freitag versucht, bekommt die Medien-Öffentlichkeit es nicht so gut mit. Und man hielt es weiterhin für eine glänzende Idee, das ganze heimlich, still und leise zu machen und eine gefühlte Ewigkeit lang nicht zu kommentieren. Doch Amazon hat die Rechnung ohne die Blogosphäre gemacht. Allein John Scalzi hat während des letzten Wochenendes sechs Blog-Artikel zum Thema verfaßt. Und er war beileibe nicht der einzige. Als Fazit bleibt, daß Amazon sich hier bei einer unverhältnismäßig großen Zahl (potentieller) Kunden sehr unbeliebt gemacht hat. In Zeiten, in denen Apple mit dem iPad in die Offensive geht, ist das eine besonders schlechte Idee. Hier die Chronologie der Ereignisse bei Scalzi:

  1. Macmillan Books Gone Missing From Amazon
  2. A Quick Note On eBook Pricing and Amazon Hijinx
  3. It’s All About Timing
  4. Dear Amazon:
  5. All The Many Ways Amazon So Very Failed the Weekend
  6. Seriously? Now They’re Just Being Dicks

Die Füchse vom Hamburger Abendblatt und die Freibiermentalität

Beim Hamburger Abendblatt ist man nicht auf den Kopf gefallen. Dort weiß man wie der Web-2.0-Hase läuft und stellt sich als Speerspitze des Fortschritts der Freibiermentalität des gemeinen Surfers entgegen. Der stellvertretende Chefredakteur Matthias Iken erklärt das neuartige Geschäftsmodell (Kurzfassung: Wer weiterlesen will, zahlt monatlich 8 Euro) in seinem Editorial (bis jetzt noch kostenlos zugänglich). Kostenlos zugänglich sind übrigens – wie Carta berichtet – auch alle anderen Artikel, wenn man nicht wie ein Anfänger durch die Vordertür hereinkommt. Ganz großes Kino eben und zurecht schlagen die Herren Niggemeier und Knüwer die Hände über dem Kopf zusammen ob so penetranter Ewiggestrigkeit. Wer sich fragt, warum die Zeitungen eigentlich langsam aber sicher aussterben, kann im genannten Editorial von Iken nachlesen, daß es mal wieder an Managementfehlern liegt. Denn in der Begründung für die neue Abo-Strategie wird kein Klischee ausgelassen. Nicht die Freibiermentalität der Nutzer, noch das bisherige Mutter-Theresa-Gebaren der Zeitungsmacher (die ihre Artikel aus reiner Herzensgüte kostenlos ins Netz gestellt haben) und natürlich auch nicht der Klassiker schlechthin: was nichts kostet, ist auch nichts wert. Die ewige Wahrheit dieser Aussage verfolgt einen als Computernutzer auf Schritt und Tritt, ob man nun etwas sucht, in einer Enzyklopädie nachschlägt oder einfach nur E-Mail oder das WWW benutzt. In allen Bereichen kosten die besten Programme richtig Asche. Gut, daß die Zeitungsleute das jetzt auch endlich erkannt haben.

Die Titanic hat dieselbe Tirade in einen kurzen knackigen Satz gepackt.

Die Ewiggestrigen vom RWI

Ich halte ja nicht besonders viel von all diesen komischen Wirtschaftsinstituten und ihren Prognosen. Gestern wurde ich durch einen Beitrag in der WDR5-Sendung Profit darin bestärkt.

Ich war geradezu schockiert als der Bericht über die Erstellung des Herbstgutachtens für die Bundesregierung mit (sinngemäß) diesem Satz endete:

Nachdem das Gutachten fertig ist, werden eine Reihe Exemplare ausgedruckt und mit dem LKW von Essen nach Berlin transportiert.

In einem Nachsatz hieß es dann noch, daß besonders wichtige Leute (Finanzminister etc.) das Gutachten schon vorab per E-Mail bekommen, das gewöhnliche Fußvolk aber auf die gedruckten Exemplare warten muß.

Der Nachsatz macht es natürlich noch schlimmer. Wie kann man dieses Gutachten ernst nehmen, wenn das Institut nicht einmal die grundlegenden logistischen Gegebenheiten des Jahres 2009 versteht? Da kann man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln.

Amoklauf bald olympisch?

Okay, ich werde es wohl nicht mehr hinbekommen, selbst einen Artikel zum Thema Winnenden zu verfassen, bevor das Thema endgültig der medialen Vergessenheit anheimfällt. Vielleicht ist es das sogar schon. Stattdessen präsentiere ich wenigstens eine Sammlung interessanter und gut geschriebener Artikel zum Thema. Ein wenig im Stile der Hinweise des Tages auf den Nachdenkseiten.

Axel Brüggemann schreibt im Freitag über den großen Einfluß den das Internet mittlerweile auf die Berichterstattung zu solchen Fällen hat: Wenn Nachrichten Amok laufen

Der Spiegelfechter schreibt über die mediale Verantwortung und wieso die Medien seiner Meinung nach zumindest eine Teilschuld an Amokläufen tragen.

Lukas Heinser (bekannt von Coffee & TV) schlägt in die gleiche Kerbe und bloggt beim Freitag über den blutigen Weg in die Unsterblichkeit.

Die erste Reaktion des Innenministers war diesmal nicht die Verdammung der sogenannten Killerspiele. Das hat er sich für den zweiten Satz aufgespart. Im ersten hat er sich gegen eine Verschärfung der Waffengesetze ausgesprochen. In dem verlinkten Artikel finden sich solche Perlen:

“Wir wollen privaten Waffenbesitz nicht gänzlich verbieten”, so Schäuble. “Wir haben ja ganz strenge Begrenzungen.” Und auch die strengsten Vorschriften könnten nicht verhindern, dass dagegen verstoßen werde. Man dürfe nicht glauben, der Grund für das “schreckliche Geschehen” sei privater Waffenbesitz.

Das eigentliche Problem seien vielmehr die Gewaltdarstellungen.

Vermutlich hält Schäuble eine Welt für sicherer, in der Waffen überall und Ego-Shooter nirgendwo legal gekauft werden können. Der gesunde Menschenverstand sieht das ja eher andersherum.

Eben dieser gesunde Menschenverstand ist auch bei der taz aktiv und hat unter anderem zu diesem Artikel geführt. Ein generelles Waffenverbot scheint mir auch am attraktivsten, zumindest aber sollte nicht jeder dahergelaufene Privatmensch sich zu Hause in der Sockenschublade ein Arsenal aufbewahren können.

Noch pointierter findet es sich in diesem Artikel
Aus den Ereignissen in Winnenden lässt sich somit eine schlichte Schlussfolgerung ziehen: Schusswaffen gehören für Privatleute verboten. Punkt.

Hanno schreibt in seinem Blog eine Satire über die Rolle der Medien beim Amoklauf, die teilweise so nah an der Wirklichkeit ist, daß einem schlecht werden könnte.

Bei tagesschau online findet man ein Interview mit einem Lehrervertreter, in dem tatsächlich etwas tiefer nach Gründen gesucht wird und nicht nur schnelle, einfache Antworten zählen.

Wie mir von meiner WOW-spielenden Kollegin berichtet wurde, haben die Computerspieler in ihren Foren die Sekunden gezählt bis der erste “Killerspiele” ins als Ursache ins Gespräch bringt. Lange mußten sie nicht warten (s. den Schäuble-Artikel oben). Eine der wenigen sinnvollen Betrachtungen findet sich in der taz: World of Bullshit. Der erste Satz zeigt, wohin die Reise geht: Wie wäre es, statt der “Computerspiele” mal populistische Studien zu verbieten?. Leider disqualifiziert sich der Autor ein bißchen dadurch, daß er über World of Warcraft schreibt, ohne das Spiel je gesehen zu haben. Immerhin funktioniert die zweite Qualitätskontrolle. Nach einigen Kommentaren, die ihn auf den Fehler hinwiesen, hat er den Artikel korrigiert. (Mittlerweile sehe ich, daß der Artikel schon über 300 Kommentare hat)

tagesschau.de hat eine Reihe von Experten (selbsternannten und tatsächlichen) zum Thema Killerspiele befragt. Hier finden sich auch differenzierte Meinungen.

Ich finde den Artikel nicht mehr, aber irgendwo las ich sinngemäß ungefähr folgendes: Man hat also Shooter, Rap-Musik und Pornos auf dem Computer des Amokläufers gefunden. Viel bedenklicher wäre es aber doch wohl, wenn man diese Dinge nicht bei ihm gefunden hätte. Erst dann wäre er doch offensichtlich anders gewesen als ca. 90 Prozent der Jugendlichen.

Doch auch bei der taz ist nicht alles Eitel Sonnenschein. Auch dort finden sich abstruse Artikel wie dieser, in dem der Autor sich zu solch einer hanebüchenen Folgerung hinreißen läßt:

kein Amokläufer, der “Counter Strike” nicht gespielt hätte. Das Gamen von tödlichen Spielen ist sozusagen ein unverzichtbarer Bestandteil schulischer Amokläufer. (Der Umkehrschluss ist nicht zulässig.) Juristisch gesprochen: Gamen ist ein notwendiges Ingrediens des Giftcocktails, der Schulschützen zu Mördern macht – allerdings kein hinreichendes.

Genau dasselbe könnte man natürlich auch über das Essen von Brot sagen. Oder über den Schulbesuch. Vermutlich ist der Schuld an den Amokläufen. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.

Auch Thomas Knüwer schreibt zwei gute Texte über die Rolle der Medien in solchen Zusammenhängen. Wenn Medien sich über Medien wundern, wundern sich Medien über Medien, Winnenden und der Mörder, der nicht in den Kram passt.

Noch pointierter findet sich das bei Stefan Niggemeier: In Der Kulturkampf gegen das Web 2.0 analysiert er die abstruse Strategie vieler traditioneller Medien, Blogs und Twitter als die bösen Buben darzustellen, wohingegen “richtige Journalisten” sich ja vernünftig und gewissenhaft mit solchen Dingen auseinandersetzen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Auch die Titanic hat wie immer schnell reagiert und bietet für eventuelle Nachahmungstäter ein Amok-Ankündigungsformular an.

Youtube auf der Insel ohne Musikvideos

Gerade bei der taz gelesen:

Wegen eines Streits mit der britischen Verwertungsgesellschaft PRS (so was ähnliches wie hierzulande die GEMA) kann man im Vereinigten Königreich seit Montag keine Musikvideos mehr auf Youtube sehen.

Da Youtube für viele mittlerweile der Punkt ist, an dem sie neue Musik entdecken (nachdem sie von Freunden oder Bekannten auf einen bestimmten Künstler hingewiesen wurden), müßte das eigentlich den Interessen der Musikindustrie zuwiderlaufen. Wenn sie das schnell genug merken, werden die Musikvideos vermutlich schnell wieder zurückkehren. Oder es bietet sich die Chance für ein neues Startup, Youtube den Rang abzulaufen. Man darf gespannt bleiben.

Die WAZ auf dem Weg ins Abseits

Ich habe ja, nicht zuletzt dank der häufigen Plädoyers von Captain Smollett, inzwischen eingesehen, wie wichtige lokale Tageszeitungen für die kommunale, und insbesondere vielleicht für die kommunalpolitische Berichterstattung sind. So habe ich in letzter Zeit, wenn ich mal die Zeit für eine Tageszeitung gefunden, häufiger mal auch zur WAZ gegriffen und nicht zu einer überregionalen Zeitung wie z.B. der taz. Und gerade jetzt, wo ich meine Heimat Richtung Niederrhein verlassen habe, nutze ich gern die Möglichkeit daß man sowohl beim Westen als auch bei den Ruhr-Nachrichten spezielle lokale RSS-Feeds abonnieren kann.

Umso bedenklicher stimmen mich die radikalen Einsparungsmaßnahmen, welche die WAZ-Gruppe gerade in den Lokalredaktionen vorzunehmen gedenkt. Jens vom Pottblog berichtet schon seit einiger Zeit aufopferungsvoll und sehr detailliert über die WAZ-Krise. In seinem neusten Beitrag meldet sich einer der betroffenen Lokalredakteure selbst zu Wort. Der Titel des Beitrags sagt eigentlich schon alles (aber ich empfehle, ihn trotzdem zu lesen):

WAZ-Betriebsversammlung: Was für eine Scheiße!