Peter Watts und die Grenzschützer

Peter Watts, ein bekannter kanadischer Science-Fiction-Autor hatte gerade einem Kumpel in den USA beim Umzug geholfen. Auf dem Heimweg wurde er offenbar von amerikanischen Grenzbeamten (Motto: Wir entscheiden, wer das Land verläßt) schikaniert und als er versucht hat, ein Gespräch mit ihnen anzufangen, wurde er geschlagen, mit Pfeffer-Spray behandelt und in eine Zelle gesteckt. Und weil das noch nicht genug war, wurde schließlich auch noch gegen ihn Anzeige erstattet. Ich bin über John Scalzis Blog darauf aufmerksam geworden, aber auch die üblichen Verdächtigen Boing Boing und Making Light haben sich des Themas angenommen.

Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse findet sich bei der kanadischen Zeitung The Star. Oder in Peter Watts’ eigenen Worten in seinem Blog:

Not the Best of Possible Worlds.

If you buy into the Many Worlds Intepretation of quantum physics, there must be a parallel universe in which I crossed the US/Canada border without incident last Tuesday. [...] In that other timeline I was not punched in the face, pepper-sprayed, shit-kicked, handcuffed, thrown wet and half-naked into a holding cell for three fucking hours, thrown into an even colder jail cell overnight, arraigned, and charged with assaulting a federal officer, all without access to legal representation

Squidgate. Update.
Happiness is a Warm Parka. And Friends I Didn’t Know I Had.

Rechtsstaat eben.

Open Access für alle

Durch das Wunder des Vor-sich-her-Schiebens ist dieser Beitrag ziemlich spät dran. Eigentlich wollte ich etwas ausführlicher meine Gründe darlegen, aber dafür fehlt mir momentan die Zeit, daher nur rasch der Hinweis:

Im E-Petitions-System des Bundestages hat Lars Fischer eine Open-Access-Petition eingereicht, die man noch bis zum 22. Dezember mitzeichnen kann. Der freie und kostenlose Zugang zu Forschungsergebnissen, die mit öffentlichen Mitteln bezahlt werden, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Da er das leider zur Zeit nicht ist, rate ich jedem, die genannte Petition zu unterzeichnen, damit der Bundestag diesbezüglich endlich etwas unternimmt. Wer noch mehr Argumente braucht, kann die bei Anatol Stefanowitsch oder Lars Fischer selbst finden.

Spannendes Dortmund

Als Exil-Dortmunder verfolge ich die momentanen politischen Verwerfungen im Rat der Stadt Dortmund mit besonderem Interesse. Selten war die Lokalpolitik in der Stadt mit dem U so spannend wie zurzeit. Erst gab es einen sogenannten Wahlbetrug der amtierenden SPD-Führung, der für eine lokalpolitische Meldung extrem hohe Wellen geschlagen hat. Ob es denn nun tatsächlich ein Wahlbetrug war oder nicht, wird derzeit von einem Experten geklärt, der vom Rat mit der Erstellung eines Rechtsgutachtens beauftragt wurde. Und als wäre eine Ansammlung von hunderten von Einsprüchen gegen die Kommunalwahl und dutzende bitterböser Kommentare auf den einschlägigen Internetseiten (lies: Kommentare unter Artikeln bei DerWesten) der SPD noch deutlich zu langweilig hat man (scheinbar) ohne Not so lange gegen den (ehemaligen?) Koalitionspartner, die Grünen, gestichelt, bis diese eigentlich gar nicht mehr anders konnten als die Zusammenarbeit (zumindest vorerst) für beendet zu erklären. Momentan überbieten die Grünen und die Genossen sich darin, sich gegenseitig heimliche Gespräche mit der CDU vorzuwerfen.

Und das ist noch nicht alles. Da es beim ursprünglichen Skandal ja um ein immenses Haushaltsloch in der Stadtkasse ging, gibt es parallel zu den politischen und persönlichen Befindlichkeiten der Ratsmitglieder und anderen politischen Entscheidungsträger und Meinungsführer noch ein viel dringenderes Problem. “Wo soll all das Geld herkommen, das wir eigentlich in den nächsten Monaten und Jahren ausgeben wollten?” Seit einiger Zeit macht die sogenannte Horrorliste die Runde, in der eine Reihe von einschneidenden möglichen Einsparungen aufgelistet sind. Da viele Punkte auf dieser Liste direkt die Lebensqualität der Dortmunder Bürger betreffen (Schließung von öffentlichen Schwimmbädern, Jugendfreizeitstätten, Schulen oder die Abschaffung des Sozialtickets), gab es erwartungsgemäß einen Aufschrei (oder eine Reihe von Aufschreien) in der Bevölkerung.

Ich bin ein bißchen betrübt, daß ich in dieser vermutlich politisch heißesten Phase der jüngeren Geschichte meiner Heimatstadt nicht vor Ort bin (jedenfalls nicht so oft), bin aber andererseits froh darum, daß ich nicht nur inzwischen einen Insider persönlich kenne, der mich immer wieder bereitwillig an seinen Erfahrungen und Eindrücken teilhaben läßt. Außerdem lebe ich zum Glück auch in der Zukunft, so daß ich dank des Internet und der ganz ansehnlichen Lokalberichterstattung der zwei großen Ruhrgebietsregionalzeitungen auf dem Laufenden bleiben kann. Zum Abschluß also hier mal die entsprechenden Links:

DerWesten.de: Portal Dortmund, direkter RSS-Link, Twitterstream Dortmund

Ruhrnachrichten: Portal Dortmund, direkter RSS-Link, Twitterstream Dortmund

Ungefähr jetzt müßte die Sitzung des Rates zum Nachtragshaushalt beginnen. Beide Redaktionen halten das für so wichtig, daß man Liveticker eingerichtet hat. Hier sind sie: Liveticker RN, Liveticker DerWesten. Ich schaue mir das dann mal an.

Die Ewiggestrigen vom RWI

Ich halte ja nicht besonders viel von all diesen komischen Wirtschaftsinstituten und ihren Prognosen. Gestern wurde ich durch einen Beitrag in der WDR5-Sendung Profit darin bestärkt.

Ich war geradezu schockiert als der Bericht über die Erstellung des Herbstgutachtens für die Bundesregierung mit (sinngemäß) diesem Satz endete:

Nachdem das Gutachten fertig ist, werden eine Reihe Exemplare ausgedruckt und mit dem LKW von Essen nach Berlin transportiert.

In einem Nachsatz hieß es dann noch, daß besonders wichtige Leute (Finanzminister etc.) das Gutachten schon vorab per E-Mail bekommen, das gewöhnliche Fußvolk aber auf die gedruckten Exemplare warten muß.

Der Nachsatz macht es natürlich noch schlimmer. Wie kann man dieses Gutachten ernst nehmen, wenn das Institut nicht einmal die grundlegenden logistischen Gegebenheiten des Jahres 2009 versteht? Da kann man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln.

Woche des Grundeinkommens – Tag 1

Bevor die Gläubigen in aller Welt morgen wieder ihrem nudeligen Götzen huldigen, indem sie sich den Bauch mit Pasta vollschlagen, beginnt mit dem heutigen Montag erst einmal die zweite Woche des Grundeinkommens und als langjähriger Anhänger dieser Idee möchte ich meine Leser darauf aufmerksam machen. Und wie geht das besser als mit einer Reihe von Blogeinträgen zum Thema?

Am besten wäre es natürlich für alle, die am Thema interessiert sind, eine der zahllosen Veranstaltungen, die es in dieser Woche geben wird, zu besuchen. Auf der oben verlinkten Seite gibt es einen umfangreichen Kalendar mit dutzenden Einträgen von Veranstaltungen über die ganze Republik verteilt. Für meine Dortmunder Leser böte sich zum Beispiel diese Diskussion am Mittwoch Abend an, die von der Dortmunder Linkspartei veranstaltet wird.

Einen sehr guten Einstieg in die Thematik bietet der Film Grundeinkommen – Ein Kulturimpuls von Daniel Häni und Enno Schmidt. Der Film klammert auch das schwierige Thema der Finanzierung nicht aus. Und das beste: man kann sich den Film (völlig legal) hier herunterladen oder online ansehen.

Schließen möchte ich für heute mit einem Zitat Bertrand Russells, der schon vor über 70 Jahren in seinem Essay In Praise of Idleness folgendes sagte:

I think that there is far too much work done in the world, that immense harm is caused by the belief that work is virtuous, and that what needs to be preached in modern industrial countries is quite different from what always has been preached.

Killerspiele – allein das Wort schon

Am gestrigen Mittwoch hat in Köln die games.com begonnen. (Mein Beileid hierzu an Leipzig.) Passend dazu gab es im Morgenecho auf WDR5 ein sehr schön unaufgeregtes und vernünftiges Interview mit Prof. Winfred Kaminski. Der Professor am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der FH Köln hat sich glücklicherweise vom Moderator der Sendung nicht dazu verleiten lassen, in den hysterischen Killerspiel-Chor mit einzustimmen, der einem alle paar Monate wieder aus den Medien entgegenschallt. Das Interview gibt es zum Nachhören auf der Webseite von WDR5.

Schon vor einigen Tagen hat mein Lieblingspädagoge auf seinem Pädblog ebenfalls einen sehr lesenswerten und (wie eigentlich immer dort) gut recherchierten Artikel zum Thema Computerspiele verfaßt. Hier geht es allerdings eher um die pädagogische Bewertung von Computerspielen und nicht um die Killerspieldiskussion selbst. Trotzdem lesenswert.

Ich denke, der allergrößte Teil der Menschen meiner Generation oder jünger hat schon Erfahrungen mit Ego-Shootern oder Multiplayer-Rollenspielen wie WOW (das ja immer wieder gern in diesem Zusammenhang genannt wird – vermutlich weil es das einzige Spiel ist, dessen Namen auch Nichtspieler schon gehört haben) gesammelt. Der oftmals nach Amokläufen herbeigeschriebene Zusammenhang zwischen Spielen wie Counterstrike und dem Erschießen von Mitmenschen läßt sich mit derselben post-hoc-ergo-propter-hoc-Argumentation sicher auch zwischen dem Essen von Brot und dem Erschießen von Mitmenschen sehen. Wenn man nur die richtigen Mittelchen nimmt. Und wie wir seit kurzem wissen geht Amoklauf matürlich auch ohne den Einfluß von Computerspielen ganz gut.

Niemand hat vor Brot zu verbieten, nur weil alle Amokläufer der letzten Jahre nachweislich vor ihren schrecklichen Taten welches gegessen haben. Dieselbe, ich sage mal Unschuldsvermutung, sollte selbstverständlich auch für Computerspiele gelten. Die E-Petition gegen ein Verbot von Action-Computerspielen, die genau dies fordert, hat über 70.000 Mitzeichner gefunden. Jetzt kann man nur hoffen, daß diese Menschen vom Deutschen Bundestag ernster genommen werden als die Zensursula-Gegner, denen man ja bekanntlich das Zensurgesetz direkt vor der Nase beschlossen hat, ohne sie auch nur anzuhören.

Woche der politischen Partizipation

Diese Woche ist eine Menge los im Netz, in Deutschland und auf der Welt.

Die iranischen Wahlen sorgen weiter für Wirbel in Teheran und in den Twitterströmen der globalen Netzgemeinde. (Lesetipp: Spiegelfechter, Twitter-Tag: #iranelecction)

Schüler und Studenten gehen eine Woche lang für die Verwirklichung der großartig versprochenen Bildungsrepublik auf die Straße. (Lesetipp: dieser taz-Artikel, Twitter-Tag: #bildungsstreik)

Die große Koalition schert sich nicht um das Grundgesetz, die Gewaltenteilung oder die erfolgreichste E-Petition aller Zeiten und winkt mit großer Mehrheit das #zensursula-Sperrgesetz durch. (Lesetipp: Netzpolitik, Twitter-Tag: #zensursula)

Am liebsten würde ich zu all diesen Themen meinen Senf abgeben. Wollen wir hoffen, daß es nicht nur beim Wunsch bleibt. Bis jetzt sieht das Wochenende noch relativ frei aus. Anti-Zensur-Demos scheint es hier kurz vorm Bretterzaun leider auch nicht zu geben.

Edit:  Ich sehe gerad, daß ich “Tipp” geschrieben habe und nicht “Tip”. Damit ist das Rechtschreibchaos, das hier als Reform verkauft wurde, nun endgültig auch in meinem Gehirn angekommen. Ich bitte an dieser Stelle also schon mal pauschal um Entschuldigung, wenn meine Texte nun wohl weder der alten, noch der neuen Rechtschreibung gänzlich folgen werden. Ich sehe mich als Reformopfer. ;-)

Demokratie für Nationalisten

Im Zuge der (in Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern) morgigen Europawahl läuft beim Freitag eine Reihe namens Menschen in Europa. Durch Zufall bin ich auf diesen Beitrag daraus gestoßen. Eigentlich wollte ich ihn direkt im Freitag kommentieren, aber als ich dort das Javascript einschaltete, hat sich mein Firefox sang- und klanglos verabschiedet. Also schreibe ich meine Meinung stattdessen hierhin. Das hat den Vorteil, daß ich so weniger wahrscheinlich mit Widerspruch rechnen muß, weil ich hier ja zigfach weniger Leser erreiche. ;-)

Also, die 28-jährige Kunsthistorikerin Ivana Unuk aus Slowenien sagt dort folgendes:

Ich gehe nicht wählen, da für mich die EU keineswegs eine demokratische Organisation ist. Nicht zuletzt deshalb, weil Slowenien ein kleines Land ist und nicht annähernd so stark im EU Parlament vertreten wie zum Beispiel Deutschland.

Ich finde es bestürzend, daß eine junge, gute ausgebildete Frau tatsächlich so über Europa denkt. Und das auch noch öffentlich sagt. Klar, das vielbeschworene Demokratiedefizit der EU gibt es wirklich. Aber es stellt sich mit Sicherheit nicht so dar, wie Ivana das denkt.

In meinem Demokratieverständnis ist es deutlich demokratischer wenn jeder EU-Bürger das gleiche Stimmgewicht hat und nicht etwa jedes Land – unabhängig von der Einwohnerzahl. In Wirklichkeit werden kleinere Länder wie Slowenien im jetzigen System sogar ein wenig bevorzugt, weil sie im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl mehr Abgeordnete stellen als z.B. das bevölkerungsreiche Deutschland.

Solcher dumpfer Nationalismus (und nichts anderes ist die hier implizite Forderung “Ein Land – eine Stimme”) macht mich immer wieder wütend und ist meiner Meinung nach eines der größten Probleme, denen sich die EU entgegenstellen muß, wenn sie überleben will.